Leserundenarchiv > Wolfram Fleischhauer – Die Frau mit den Regenhänden
Die Frau mit den Regenhänden (Kapitel XV bis Ende)
nimue:
Hier könnt ihr zu den Kapiteln XV bis zum Ende schreiben. Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.
Papyrus:
Ich habe das Buch beendet und musste mich erst ein wenig "sortieren".
Ganz ehrlich? Das letzte Kapitel ist furchtbar.
Habe ich bei Kapitel IVX noch gesagt, die Auflösung schockiere mich nicht wirklich, so tut sie dies in diesem Kapitel um so mehr.
Ich bin froh, dass nicht mein Freund bei mir ist: Er hält mich immer für bescheuert wenn ich bei einem Buch weine und in ein Taschentuch rotze.
Zum einen wird die ganze Geschichte plötzlich sehr intim und der Leser ist hilflos und wütend zugleich. Zum anderen liegt es an dem phantastischen Schreibstil.
Wolfram Du bist wirklich ein Meister der Worte. Das Kapitel ist entsetzlich.
Ich habe mich mit dem Thema Aids nicht mehr auseinandergesetzt als "man" das so tut. Gab es wirklich diese Schlampereien? Grauenhaft. Ich frage mich wirklich warum die Menschen zum Mond und zu den Sternen wollen, wenn sie nicht einmal ihr Handeln auf der Erde im Griff haben.
Unfassbar.
Der Prolog, der sich für mich anfangs zu blumig las, hat jetzt eine ganz andere Gewichtung und hat mich tief berührt.
wolfram:
Liebe Papyrus,
danke für das bittersüße Kompliment. Ja, ich weiß, das Ende ist furchtbar. Aber irgendwo auch wieder nicht. Das Buch handelt letztlich vom Sinn des Erzählens, von der Sprache jenseits der Sprachlosigkeit, wofür für mich das Erzählen steht. Gaetane hat das letzte Wort, und es ist furchtbar, ja, aber es berührt und verletzt in eben dem Maße, wie man sie verletzt und zerstört hat. Und das soll es auch. Das kann eben nur Literatur, finde ich: dem Einzelschicksal eine Stimme geben, ihm seine Würde zurückgeben.
Ich kann Dir sagen, ich habe mich um diesen Schluß wochenlang herumgedrückt. Ich wollte dieses Kapitel nicht schreiben. Allein die Vorstellung von Gaetanes Ende ging mir dermaßen an die Nieren, daß ich es immer wieder hinausgezögert habe. Und als es dann sein mußte, habe ich beim Schreiben genauso geheult wie Du vielleicht beim Lesen. Verrückt, nicht wahr? Aber es war wirklich so, als hätte ich diese Frau gekannt. Diese Wahnsinnsfrau. Noch heute geht mir das so. Wenn ich den Schluß lese, ergreift mich das immer noch.
Nun ja, nur mal so viel. Die anderen sind ja noch auf dem Weg und sollen erst einmal ankommen.
Herzliche Grüße - und ich reiche ein Taschentuch
Wolfram
Papyrus:
Ich habe das Kapitel heute morgen nochmals gelesen. Es hat nichts von seinem Schrecken verloren.
Lieber Wolfram, das gereichte Taschentuch nehme ich gerne. Vielen Dank für Deine sehr ehrliche Antwort.
Man ist sich seines Lebens so sicher, dabei bewegen wir uns alle immer an einem Abgrund. Manches mal reicht ein Wimpernschlag und alles ist verändert.
Allerdings ging mir heute morgen noch ein anderes Empfinden durch den Kopf. Wir leiden mit Marie und Gaëtane, aber was ist mit Johann? Finden wir uns nicht öfter in dieser Kinderseele wieder?
Johann kannte die Antwort, ohne ihr wirkliches Ausmaß zu begreifen und konnte sich nicht mitteilen. Er versuchte auf seine Art Antworten zu finden, ist aber aufgrund seiner Position mehr als Machtlos. Wer würde ihm im Normalfall Gehör schenken? Wer ihm Glauben?
Malu:
Lieber Wolfram,
Du schreibst:
--- Zitat von: wolfram am 05. Januar 2007, 22:08:33 ---Gaetane hat das letzte Wort, und es ist furchtbar, ja, aber es berührt und verletzt in eben dem Maße, wie man sie verletzt und zerstört hat. Und das soll es auch. Das kann eben nur Literatur, finde ich: dem Einzelschicksal eine Stimme geben, ihm seine Würde zurückgeben.
--- Ende Zitat ---
Ja, mich hat dieses Ende auch sehr beschäftigt. Was ich aber wunderschön finde (ist das falsche Wort, ich weiß, aber trotzdem...)
ist dieses Schlussbild und die Sätze von Gaëtane: "Doch jetzt weiß ich, dass sie sich noch einmal umgedreht hat. Und da hat sie zwei Menschen gesehen. Du weißt, wer sie sind."
Darin liegt trotz aller Nähe und Unausweichlichkeit des Dunklen so viel Positives, so viel Hoffnung. (Kann aber sein, dass ich etwas nicht richtig verstanden habe...) Der Blick hinunter ins dunkle Wasser, die leergeräumte Hütte - all das deutet darauf hin, dass Marie sich am Ende fühlt, ein Ende setzen will. Ihre Zukunft liegt also im dunklen Wasser unter ihr und damit - im Tod.
Aber der Blick zurück bedeutet doch Hoffnung für sie und ihren Sohn. Eine Hoffnung, die von den zwei Menschen symbolisiert wird, die durch ihre Liebe und ihren Einsatz für das Recht, auch wenn sie scheitern, Zukunft in das Leben der Ausgestoßenen bringen.
Es bleiben eine Menge Fragen offen, z.B. auch was das Schicksal von Johann betrifft. Aber trotzdem...
Mit diesem Schluss, den Gaëtane erzählt, gibt sie trotz der Aussichtslosigkeit ihres eigenen Schicksals einen Appell und damit doch auch Mut und Hoffnung weiter. Ein vielleicht verzagtes, schwaches, geflüstertes, angesichts überstark erscheinender Machenschaften viel Mächtigerer groteskes, aber - es ist ein TROTZDEM, das sie weitergibt, damit andere, die stärker sind als sie, vielleicht etwas daraus machen.
Ein tolles Buch!
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