Leserundenarchiv > Wolfram Fleischhauer – Die Frau mit den Regenhänden
Die Frau mit den Regenhänden (Kapitel IX bis X, bis Seite 265)
nimue:
Hier könnt ihr zu den Kapiteln IX bis X (bis Seite 265) schreiben. Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.
qantaqa:
Ich finde es sehr gut gemacht, Mathilda ihrem Vater die Eindrücke in Belleville in einem Brief schildern zu lassen. Allerdings finde ich sie ein klein wenig naiv. Sie empört sich über die Elendsviertel in Paris, dabei waren die in London doch bestimmt genauso schlimm. Allerdings macht sie das bei mir gleich wieder wett, weil sie nicht nur die Zustände beklagt, sondern aktiv wird und handelt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie für Antoine eine große Hilfe wird.
Der Gegensatz Offenbach-Operette - Elendsviertel kommt durch die Beschreibung der Premiere und des Besuchs in Belleville sehr gut heraus. Außerdem hat man ja noch die Erzählung von Maries Ehemann vor Augen.
Der am Anfang des Buches als "Feder für den Gaumen" (ich habe mich gekringelt vor Lachen) bezeichnete Marivol beginnt, Fragen zu stellen und entdeckt Ungereimtheiten. Ich bin gespannt, wohin das führt. Interessant ist auch, dass sich der gefürchtete Geheimdienstchef offenbar für den Fall interessiert - ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass sich Geheimdienste normalerweise nicht mit so etwas befassen. Marivol wittert Morgenluft - ich bin gespannt, was er heraus findet.
wolfram:
Es ist wohl an der Zeit, daß ich mich mal wieder melde. Also: der Berkinger-Text ist aus unterschiedlichen Texten zusammenmontiert, zum Teil Reiseeindrücke von Weltausstellungsbesuchern, aber auch Gastarbeitermemoiren. Ich versuche ja immer, so viele historische Einzelheiten wie möglich zu sammeln, um dann eine plausible Geschichte und glaubwürdige Figuren zu erschaffen. Dabei läuft die Grenze zwischen Fakt und Fiktion oft mitten durch einen Halbsatz. Die Sache mit den Taschenmösen stammt übrigens aus den Goncourt-Tagebüchern, der Fundgrube schlechthin für die Epoche. Daß die Straßenkehrer in Paris damals fast alle Deutsche waren, Wirtschaftsflüchtlinge aus Hessen, die "Les Darmstaedters" genannt wurden, hat mich derart verblüfft, daß es gleich eine enorme Auswirkung auf die Personalausstattung des Romans genommen hat. Insofern verweben sich Geschichte und Erzählung so sehr, daß man am Ende schwer sagen kann, was jetzt was beeinflußt hat. Für mich war diese Zeit wie für Euch auch zu Beginn völliges Neuland. Ausgangspunkt war die Anekdote des verschwundenen und tot aufgefundenen Kindes. Da nahm alles seinen Anfang. Der ganze Roman ist, abgesehen von der zweiten Ebene, die ein wenig autobiographisch gefärbt ist, komplett im Archiv in Paris entstanden, wo Bruno und Gaetane sich zum ersten Mal begegnen. Dort liegt das ganze Material, aus dem ich geschöpft habe.
Da die Recherchen fast zehn Jahre zurückliegen, weiß ich bei manchen Sachen allerdings auch nicht mehr auf Anhieb, woher sie stammen, aber im Grunde ist im historischen Teil recht wenig erfunden. Wer könnte sich so etwas auch ausdenken? Diese Rattenjagd etwa, oder den Knochentisch, der nach wie vor im medizinhistorischen Museum von Paris steht und darauf wartet, daß einer herausfindet, was er wohl zu bedeuten hat.
Nun, ich wünsche weiterhin viel Spaß beim Lesen und bin gespannt auf weitere Kommentare.
Herzliche Grüße
Wolfram
Papyrus:
--- Zitat von: qantaqa am 03. Januar 2007, 22:31:37 ---Ich finde es sehr gut gemacht, Mathilda ihrem Vater die Eindrücke in Belleville in einem Brief schildern zu lassen. Allerdings finde ich sie ein klein wenig naiv. Sie empört sich über die Elendsviertel in Paris, dabei waren die in London doch bestimmt genauso schlimm. Allerdings macht sie das bei mir gleich wieder wett, weil sie nicht nur die Zustände beklagt, sondern aktiv wird und handelt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie für Antoine eine große Hilfe wird.
--- Ende Zitat ---
Ist Mathilda wirklich naiv, oder hat sie sich in London mit dem Thema nicht auseinandergesetzt? Oder doch, und wir wissen es nur nicht?
Immerhin empört sie sich und lässt Taten folgen, andere wenden sich nur angewidert ab.
--- Zitat von: qantaqa am 03. Januar 2007, 22:31:37 ---Der am Anfang des Buches als "Feder für den Gaumen" (ich habe mich gekringelt vor Lachen) bezeichnete Marivol beginnt, Fragen zu stellen und entdeckt Ungereimtheiten. Ich bin gespannt, wohin das führt. Interessant ist auch, dass sich der gefürchtete Geheimdienstchef offenbar für den Fall interessiert - ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass sich Geheimdienste normalerweise nicht mit so etwas befassen. Marivol wittert Morgenluft - ich bin gespannt, was er heraus findet.
--- Ende Zitat ---
Ja, das fand ich alles sehr mysteriös. Ein "einfacher" Kindsmord und der oberste Chef interessiert sich dafür?
Vielleicht arbeiten Marvol und Antoine später noch Hand in Hand und können das Rätsel lösen.
Bruno tut mir in seiner Verliebtheit schon fast ein bisschen Leid. Ich kann das Verhalten von Gaëtane sehr gut nachempfinden, schließlich ist Bruno ein fremder Mann, welcher sie "einfach anquatscht".
qantaqa:
--- Zitat ---Ist Mathilda wirklich naiv, oder hat sie sich in London mit dem Thema nicht auseinandergesetzt? Oder doch, und wir wissen es nur nicht?
Immerhin empört sie sich und lässt Taten folgen, andere wenden sich nur angewidert ab.
--- Ende Zitat ---
Es könnte natürlich sein, dass sie in ihrer Heimat damit nicht konfrontiert wurde; wer verirrt sich auch ohne Grund in ein Elendsviertel. Man kann dem heute sehr gut aus dem Weg gehen und man konnte es mit Sicherheit vor 150 Jahren.
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