Und ich hatte mit meiner Spekulation am Anfang fast ganz recht!
Ich auch!
Dass Chevillon der Großvater ist, darauf bin ich allerdings nicht gekommen. Die Art, die Gechichte nun mit dem Prolog zu verbinden, hat mir ausgesprochen gut gefallen. In der Rückschau wird Chevillon zu einem Bindeglied für die Handlung, denn er hat ja zwischendurch immer wieder kurze Auftritte.
Jean-Marie hat also all die Jahre in einem Dorf gelebt mit dem Mann, dessen Tochter er (versehentlich) umgebracht hat. Das ist schon starker Tobak. Ich hatte bislang immer vermutet, der Prolog hätte außerhalb des Dorfes gespielt, mit einer völlig Unbekannten. Diese Wendung verleiht dem Geschehen noch eine zusätzliche Tragik, finde ich.
Und dass Chevillon seine Tochter all die Jahre aufwachsen sieht, ohne sich ihr zu nähern, um ihr dann, im entscheidenden Moment, beizustehen ... herrlich!
Der Steg ist doch nicht zufällig unter der Last zusammenbrochen, oder? Er war präpariert, und zwar von Chevillon.
Das ist mir zwar nicht aufgefallen, klingt aber überzeugend, wie Du das herleitest.
Jean-Marie ist wirklich ein tragischer Fall. Er durchschaut ja durchaus die Mechanismen der Revolution.
...
Allerdings zieht er daraus überhaupt keine Konsequenzen, erstaunlicherweise nicht einmal, um sich selbst zu retten. Das scheint mir sehr ungewöhnlich angesichts seiner bisher gezeigten Selbstliebe.
Ich vermute, er ist vom Typ her einfach niemand, der in so einer Situation die Initiative ergreifen kann. Ich stelle ihn mir als Dandy vor - er tingelt durch Clubs, bricht Herzen, ist aber keiner, der zupackt. Er scheint mir mit der Situation überfordert.
Und warum ausgerechnet gegen Fouquet? Der hat ihnen doch nie etwas getan und ist im Gegensatz zum Pfarrer nicht mal neu in der Gegend. 
Das habe ich mich auch gefragt. Als der Lynchmob das erste Mal gegen den Pfarrer losgeschlagen hat, haben sich aber Fouquet, Sophie, Jeanne und Jean Marie alle engagiert, um diesen Pfarrer zu schützen, glaube ich. Vielleicht wird ihnen das jetzt zum Verhängnis. Oder, weil sie in Verbindung zu den Montforts stehen? Sicher bin ich mir auch nicht.
Gerade das Fehlen greifbarer Kausalitäten zeigt aber meines Erachtens besonders gut die Willkür, mit der damals verfahren wurde. Die Gruppe, die gerade die Macht hatte (und Macht wird immer aus Gewehrläufen geboren), hat einfach beliebig irgendwen eingesperrt oder vielleicht gar umgebracht.
Insgesamt hat mir dieser Leseabschnitt hervorragend gefallen. Die Schwäche des zweiten Teils mit den mangelnden Handlungssträngen taucht hier nicht auf, die Ereignisse um die Figuren entwickeln sich kontinuierlich fort. Und bei der Enthauptung des Königs ist das Reporterteam mit seinem Ü-Wagen diesmal auch rechtzeitig live vor Ort eingetroffen.
Es gibt auch einzelne Passagen, die für mich deutliche Glanzpunkte setzen. Bisher mein liebster Satz aus dem gesamten Buch:
Wissen Sie, wenn man einen Spiegel zerbricht und ihn neu zusammenfügt, die Risse bleiben doch. (Kapitel 4)
Das Bild ist sehr stark und trifft genau die Situation sowohl Daniels als auch eigentlich des gesamten Frankreich.
Auch beeindruckt hat mit Kapitel 5, wo Malvaux erst sagt:
Ich glaube, der größte Teil der Leute hier ist völlig vom Fanatismus korrumpiert ...Und dann sagt der gleiche Malvaux:
Besser zehn Unschuldige töten als einen Schuldigen laufen lassen.Das beschreibt perfekt die Erfahrungen, die ich persönlich mit Fanatikern gemacht habe. Ein Fanatiker empfindet sich selbst nicht als fanatisch, sondern als normal. Der Rest der Welt ist "dekadent". Wenn das Verhalten der eigenen Gruppe objektiv nicht mehr als "gut" zu bezeichnen ist, wird es durch philosophische Konstrukte abgedeckt, so wie auch Malvaux es später tut, als er sagt, er sei grausam, damit das Volk es nicht sein müsse. So wird jeder Terror damit gerechtfertigt, dass er noch größeres Leid verhindere. Schaurig - und leider glaubwürdig. Meisterlich beschrieben von der Autorin, ebenso wie überhaupt die gesamte Figur des Malvaux, der für mich sehr plastisch wird.
Die Art, wie Jules seine Sophie wieder in die Arme schließt - das ist dann wieder etwas für's Herz.

Nach dem vielen Blut in den Kapiteln davor bin jetzt sogar ich reif dafür.
