Leserundenarchiv > Bernhard Jaumann – Steinland

6 – Kapitel 6 und 7 (S. 256 bis Ende)

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Aldawen:
Hier könnt Ihr zu den beiden letzten Kapiteln schreiben.

Spoilermarkierungen sind auf Grund der Beschränkung nicht vorgesehen.

Aldawen:
Da mir die Frage nach den Zusammenhängen keine Ruhe gelassen hat, habe ich gestern abend doch noch zu Ende gelesen. Aber von dem Ende mußte ich mich erst einmal etwas erholen. Was im Einzelnen gelaufen ist, ist nun hinreichend klar, aber die allgemeine Vertuschung ist schlicht zum K..., da bin ich voll bei Clemencia. Allerdings entspricht es dann letztlich doch dem, was ich während des Abschnitts beim Lesen dann doch schon befürchtet hatte. Es hätte zwar, wenn man gewollt hätte, hinreichend Beweise gegeben, aber dafür waren zu viele und zu mächtige Interessen involviert, um es wirklich öffentlich zu machen. Frustrierend, sicher, aber welche Alternative besteht in diesem Geflecht tatsächlich? Ich habe das nun gedanklich hin und her gedreht, aber ich sehe da keine echte Chance.

Im Grunde wundert es mich auch nicht, daß Claus sich in dieser Sache hat kaufen lassen. Er wollte sicher vorrangig Clemencia helfen (und nach dem Auftritt bei der Ministeriumseinweihung auch sich selbst), aber da muß man natürlich konstatieren, daß er sie offensichtlich nicht richtig kennt oder sich keine Gedanken darüber gemacht hat. Es hätte ihm klar sein müssen oder jedenfalls können, daß Clemencia – bei ihrem Verständnis von Recht und Gerechtigkeit – ihm nicht vor Dankbarkeit um den Hals fallen würde. Und anzunehmen, daß sie unter diesen ganzen Umständen nichts sehnlicher wünscht, als zu ihm ins Bett zu steigen, spricht auch nicht gerade für ein tieferes Verständnis. Das geht für mich aber insgesamt in Ordnung, weil ich die beiden sowieso nicht in einer langfristigen, glücklichen Beziehung miteinander sehe, das habe ich ja schon nach dem Schakal gesagt  ;)

Eines interessiert mich aber doch noch. Gregor Rodenstein hat sich also selbst erschossen, indem er sich das Gewehr unters Kinn geklemmt und abgedrückt hat. Ok, kann ich mir vorstellen, ist vermutlich die naheliegendste Variante, um es mit einem Gewehr alleine zu bewerkstelligen. In der Geschichte, die Schroeder am Anfang aufgetischt hat, heißt es: „Der Tsotsi, der einen halben Kopf kleiner war, stand schräg hinter ihm, hielt ihm das Gewehr an die Schläfe und brüllte: »Ich knalle ihn ab, wenn ihr nicht ...« Er beendete seinen Satz nicht einmal, oder?“ (S. 19 f.) Wenn der Tsotsi Gregor also tatsächlich von schräg hinten gegen die Schläfe erschossen hätte, müßte das Ergebnis nicht anders aussehen als ein Schuß von unten durch Kinn und Mundhöhle selbst bei Schüssen auf praktisch keine Entfernung? Und wenn es „nur“ Schmauchspuren auf der Kleidung sind. Hätte das nicht den Polizisten, also auch Clemencia, auffallen müssen/können/sollen?

kaluma:
Ich habe es auch gerade eben zuende gelesen und muß es wohl erst mal setzen lassen - für ausführlichere Gedanken bin ich im Moment zu müde.

Darauf, daß Gregor Rodenstein Selbstmord begangen hat, wäre ich nicht gekommen. Im Nachhinein gesehen ist es die plausibelste Variante und erklärt auch die Verbissenheit, mit der die Farmer an ihrer Lügengeschichte festhielten: es war der Zorn, der sie antrieb.

Der Showdown an dem Grab war ja sehr spannend, und alles war haarscharf: wie Tjikundu noch im letzten Moment die Seiten gewechselt hat. Als er sagte, Robinson würde jederzeit für Recht und Gesetz sterben, läuteten bei mir alle Alarmglocken.
Die SIM-Karten aus den Handys muß er ja wahnsinnig schnell entfernt haben, er hat sich doch nur ganz kurz zu den beiden Toten heruntergebeugt. Ich schätze mal, ich würde dafür mindestens eine halbe Stunde brauchen. Ziemlich kaltblütig von ihm.

Der Handel und die allgemeine Vertuschung am Ende gefällt mir genausowenig wie dir, Aldawen. Aber ich sehe keine Möglichkeit für Clemencia, daran etwas zu ändern und ob das am Ende irgendwem etwas nutzen würde, ist auch fraglich. Für die wahrheitsliebende Clemencia ist das schon sehr hart.

Daß Claus so gehandelt hat, ist für mich verständlich, er hat ja einen anderen Blickwinkel als Clemencia. Vielleicht hat er auch geahnt, daß sie es ihm übelnehmen würde, und es trotzdem getan, weil er es für das Richtige hielt letztlich auch für sie. Wenn die Beziehung der beiden darüber in die Brüche geht, nun, dann ist es halt so. Besser so, als würde sich einer von beiden ewig verbiegen müssen.

Der aalglatte neue Minister Kawanyama ist mir zwar persönlich unsympathisch, aber in einer Sache muß ich ihm Recht geben. Nach dem, was ich weiß, halte ich diese Enteignungsaktionen auch nicht wirklich für geeignet, um die Lage der vielen Mittellosen im Land zu verbessern. Wenn das Land nicht geeignet ist, in Parzellen aufgeteilt viele zu ernähren, muß man eben andere Möglichkeiten finden. Daß er wirklich vorhat, etwas zu verbessern, nehme ich ihm ab und daß er zu seiner unpopulären Meinung steht, finde ich auch gut.


--- Zitat von: Aldawen am 29. April 2012, 07:17:05 --- In der Geschichte, die Schroeder am Anfang aufgetischt hat, heißt es: „Der Tsotsi, der einen halben Kopf kleiner war, stand schräg hinter ihm, hielt ihm das Gewehr an die Schläfe und brüllte: »Ich knalle ihn ab, wenn ihr nicht ...« Er beendete seinen Satz nicht einmal, oder?“ (S. 19 f.) Wenn der Tsotsi Gregor also tatsächlich von schräg hinten gegen die Schläfe erschossen hätte, müßte das Ergebnis nicht anders aussehen als ein Schuß von unten durch Kinn und Mundhöhle selbst bei Schüssen auf praktisch keine Entfernung? Und wenn es „nur“ Schmauchspuren auf der Kleidung sind. Hätte das nicht den Polizisten, also auch Clemencia, auffallen müssen/können/sollen?

--- Ende Zitat ---

Das könnte möglich sein, aber dazu müßte man wohl forensischer Experte sein. Vielleicht wurde auch zuviel vom Schädel zerstört, ich weiß es nicht. Oder Schroeder hätte nachträglich einfallen können, daß Gregor sich in letzter Sekunde zu seinem "Mörder" umgedreht hat und halb von vorn erschossen wurde.
Eines ist Clemencia ja aufgefallen, nämlich daß Gregor Rodenstein viel zu nahe an dem Gestell mit dem Solarpaneel lag, als es nach Schroeders Geschichte hätte liegen müssen. Interessant, wie solche Details nachträglich noch einen Sinn ergeben.

irismaria:

--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---
Darauf, daß Gregor Rodenstein Selbstmord begangen hat, wäre ich nicht gekommen. Im Nachhinein gesehen ist es die plausibelste Variante und erklärt auch die Verbissenheit, mit der die Farmer an ihrer Lügengeschichte festhielten: es war der Zorn, der sie antrieb.

--- Ende Zitat ---

Der Selbstmord hat mich auch überrascht, aber ich finde es absolut stimmig - ob da wohl einer von uns draufgekommen wäre? Vielleicht von denen, die das Buch noch nicht ausgelesen haben...


--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---
Der Showdown an dem Grab war ja sehr spannend, und alles war haarscharf: wie Tjikundu noch im letzten Moment die Seiten gewechselt hat. Als er sagte, Robinson würde jederzeit für Recht und Gesetz sterben, läuteten bei mir alle Alarmglocken.
Die SIM-Karten aus den Handys muß er ja wahnsinnig schnell entfernt haben, er hat sich doch nur ganz kurz zu den beiden Toten heruntergebeugt. Ich schätze mal, ich würde dafür mindestens eine halbe Stunde brauchen. Ziemlich kaltblütig von ihm.

--- Ende Zitat ---

Dieser Abschnitt kurz vom Finale fand ich den fesselndsten im ganzen Buch! Die Spannung war fast mit Händen greifbar und von Zeile zu Zeile hat sich die Situation geändert. Wow!


--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---
Der Handel und die allgemeine Vertuschung am Ende gefällt mir genausowenig wie dir, Aldawen. Aber ich sehe keine Möglichkeit für Clemencia, daran etwas zu ändern und ob das am Ende irgendwem etwas nutzen würde, ist auch fraglich. Für die wahrheitsliebende Clemencia ist das schon sehr hart.

Daß Claus so gehandelt hat, ist für mich verständlich, er hat ja einen anderen Blickwinkel als Clemencia. Vielleicht hat er auch geahnt, daß sie es ihm übelnehmen würde, und es trotzdem getan, weil er es für das Richtige hielt letztlich auch für sie. Wenn die Beziehung der beiden darüber in die Brüche geht, nun, dann ist es halt so. Besser so, als würde sich einer von beiden ewig verbiegen müssen.


--- Ende Zitat ---

Auch ich finde das Ende für Clemencia unbefriedigend, aber auch wieder sehr stimmig für das ganze Buch. Ein Happy End, bei dem alle zur Rechenschaft gezogen werden, wäre leider unrealistisch gewesen. Auch bei den Enteignungen wird klar, dass es einfach keine gute Lösung für alle gibt. Ich wollte dort kein Politiker sein (hier auch nicht)!

Alles in allem ein klasse Finale für ein spannendes Buch, das nebenbei noch viel über das Leben in Namibia vermittelt!

Aldawen:

--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---Die SIM-Karten aus den Handys muß er ja wahnsinnig schnell entfernt haben, er hat sich doch nur ganz kurz zu den beiden Toten heruntergebeugt. Ich schätze mal, ich würde dafür mindestens eine halbe Stunde brauchen. Ziemlich kaltblütig von ihm.

--- Ende Zitat ---

Das hat mich auch gewundert. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Hersteller für Namibia Handys bauen, wo man so viel leichter an die diese blöden SIM-Karten kommt als hierzulande. Eher würde ich vermuten, daß Tjikundu ihnen einfach andere Handys in die Taschen gesteckt hat und die richtigen, inklusive der Karten, diskret verschwinden läßt. Dann bliebe zwar die Frage, warum er „Ersatzhandys“ mit sich herumschleppt, aber vielleicht hat er ein bißchen damit gerechnet, daß er seine „Mitarbeiter“ ausschalten muß und sich entsprechend vorbereitet. Klingt zwar auch nur bedingt logisch, aber auch nicht unwahrscheinlicher als der Taschenspielertrick  ;D


--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---und ob das am Ende irgendwem etwas nutzen würde, ist auch fraglich.

--- Ende Zitat ---

Das ist das eigentlich Perfide an dieser Auflösung. Mit Ausnahme der fünf Toten hat „nur“ das Recht verloren, vielleicht noch Clemencia und Claus wegen ihrer Beziehung, die jetzt nicht so weitergehen kann wie zuvor. Alle anderen haben für sich etwas aus der Handhabung ziehen können und daher kein Interesse mehr daran, etwas anderes zu verbreiten, womit diese Fassung jetzt „Wahrheit“ wird. Und das Angebot an Clemencia ist für sie sicher auch nicht so gänzlich ohne Verlockung, wenn sie in Ruhe darüber nachdenkt: auf Oshivelos Posten aufzusteigen und das ohne einen versetzten Tjikundu unter sich, dafür mit einem schäumenden Robinson, der ja unter diesen Umständen ihren jetzigen Posten haben kann, wollte er doch sowieso immer  ;)  – das hat doch auch etwas ...


--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---Vielleicht hat er auch geahnt, daß sie es ihm übelnehmen würde, und es trotzdem getan, weil er es für das Richtige hielt letztlich auch für sie.

--- Ende Zitat ---

Ich will ihm gar nichts unterstellen, und es ist auch gut möglich, daß Clemencia, wenn sie erst einmal alles gedanklich geordnet hat, zu dem Schluß kommt, daß Claus, zumindest aus seiner Perspektive, richtig gehandelt hat. Aber ich bleibe dabei, daß er sie schlecht kennt, wenn er glaubt, daß sie unter diesen Umständen (gerade aus der Haft raus, mit den Zusammenhängen konfrontiert) nichts sehnlicher wünscht, als auf seine Aufforderung in sein Bett zu steigen. Die Abfuhr, die er da kassiert hat, die kann ich voll und ganz verstehen, ich dachte in dem Moment auch nur: „Junge, du tickst doch wohl nicht ganz sauber!“


--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---Daß er wirklich vorhat, etwas zu verbessern, nehme ich ihm ab und daß er zu seiner unpopulären Meinung steht, finde ich auch gut.

--- Ende Zitat ---

Letzteres ist zumindest bemerkenswert und für Politiker überall eher untypisch, würde man sich ja hier auch mal öfter wünschen. Was er tatsächlich erreichen kann, das ist wohl eine andere Frage. Es wurde ja angedeutet, daß seine Hausmacht nicht die allergrößte ist, da wird er über kurz oder lang trotzdem Begehrlichkeiten befriedigen müssen, fürchte ich ...


--- Zitat von: kaluma am 29. April 2012, 23:29:59 ---Eines ist Clemencia ja aufgefallen, nämlich daß Gregor Rodenstein viel zu nahe an dem Gestell mit dem Solarpaneel lag, als es nach Schroeders Geschichte hätte liegen müssen. Interessant, wie solche Details nachträglich noch einen Sinn ergeben.

--- Ende Zitat ---

Stimmt, wenn man von Beginn an geahnt hätte, worauf das hinausläuft, hätte man diese Details ganz anders werten können. Aber irgendwie ist es ja auch spannend, das am Ende festzustellen.

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