Ich bin nun seit einigen Tagen mit dem ersten Abschnitt fertig. Meine Lesenotizen liegen auf dem Schreibtisch, so dass es Zeit ist, sie vor dem Staub zu retten und in einen fließenden Kommentar zu verwandeln. Oh ja, ich habe mir fleißig kleine Notizen gemacht zu den Stellen, die mir aufgefallen sind! Also dann, los. Mit dem Folgenden werde ich einen Einblick in meine Lesereindrücke gewähren, so gut es geht.
Besonders gefiel mir die Beschreibung des Großvaters. Schade, dass wir nicht erfahren, was mit ihm passiert ist. (Oder vielleicht doch?) Vermutlich hat ihn sein Alter eingeholt! Einen guten Eindruck hat er mit seinem flüchtigen Auftauchen im Buch bei mir jedoch hinterlassen können. Wer „heiter“ gleichgültig sein kann, ist schon eine Erwähnung wert!
Weiterhin fand ich es nett, wie der Leser von den kleinen Sachen wie „das verblichene Porträt der Mutter“ mehr über Stella als Hauptperson erfährt. Sie ist also ohne Mutter aufgewachsen und der Großvater ist gleichzeitig die Vaterperson und die einzige Familie in ihrem Leben. Dem Leser wird sowieso ein guter Einblick durch die Flashback-Geschichte über den Spuk in der Kapelle im Mädcheninternat gewährt. Beispielsweise wird Stelle für die Ferien in Wien beim Großvater erwartet und schon dann sagt uns etwas, dass dieser kein gelegentlicher Besuch sein soll – eine andere Wohnung gibt es für sie nicht. Der nun erweckte Verdacht, dass Stella Waisenkind ist, wird am Ende durch den Kommentar des Großvaters über ihren Vater endgültig bestätigt. Da glaube ich jedoch ein weiteres Rätsel durchscheinen zu sehen – ein spurlos verschwundener Vater – da muss noch etwas dahinter stecken! Besonders nachdem im Laufe des ersten Abschnittes immer deutlicher wird, dass Stella kein (gewöhnlicher) Mensch ist.
In dem Zusammenhang gefiel mir, dass Stella gerade nicht die übliche Schönheit darstellt und eher Mut und Köpfchen zu bieten hat. Aufgewachsen in der großväterlichen Wohnung, was nicht gerade der Traum eines jeden Kindes ist, mit dem hässlichen Pudel als Spielfreund, schlägt sie sich tapfer durchs Leben und ist gut im Begriff eine verantwortungsbewusste und gute Person zu werden. Ich fand es gut, dass sie in den Osterferien tatsächlich krank wird und sich nicht bewusst dafür entscheidet, den Großvater links stehen zu lassen um der großen Spukgeschichte nachzugehen. Sonst wäre sie undankbar und egoistisch. Undankbarkeit kann man zwar einem Kind nicht wirklich vorwerfen, da es ja gewissermaßen in der Kindernatur liegt, undankbar zu sein, bis man mehr über die Welt und die Leute gelernt hat. Für mich persönlich war es aber eine schöne Lösung, sie einfach mit Fieber ins Bett zu stecken anstatt den lieben Großvater zu vernachlässigen.
Hier nur am Rande, indem der Großvater den Schlüssel für die Kapelle anfertigen lassen hat, wurde er in meinen Augen so cool wie man in dem 19 Jh. eben sein kann!
Ein weiterer Aspekt, der für Stellas Persönlichkeit spricht, ist die Tatsache, dass sie Schuldgefühle gegenüber der Algebra Lehrerin zu verspüren scheint, während sie gegen die Regel verstößt.
Auf Seite 24 taucht das geheimnisvolle Luftschiff „Fortuna“ erstmals auf. Der Kapitän Krysztof ist eine interessante neue Figur, an die ich mich aus dem „Teufels Maskerade“ nicht erinnere. Wie er dem Meer nachtrauert und sich von seinen blauen Gemächern aus danach sehnt, finde ich schön beschrieben. Ich weiß, dass bei der Beschreibung seiner Räume und der dahintersteckende Grund, dass sie so sind, wie sie sind, gedacht habe „nice touch!“. Die Verachtung des Kapitäns für die Regeln der Gesellschaft, ihre Bälle, Kleinintrigen und Rosenkorsos finde ich gut vermittelt. Es ist beim Lesen spürbar, dass Stella sich in seiner Welt wesentlich wohler gefühlt hätte als in der Welt einer Gesellschafterin.
Auf Seite 47 kehrt eine altbekannte Figur zurück. Graf von Trubic, verjüngt nach dem letzten Buch hat seine Finger wieder in dem Spiel, trotz Suspendierung. Hier gefällt es mir, dass er als gut aussehend trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Mäkel beschrieben wird. Eine solche Schönheit ist mir wahrhaftig eine Erfrischung im Gegensatz zu aller Zeitschrift und Hollywood-Schönheitsidealen, dem man sonst ständig ausgesetzt ist. Nachdem ich also festgestellt habe, dass Trubic trotz seiner magischen Verjüngung aus dem letzten Buch ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut ist, darf ich mich auf die nächste nette Sache freuen.
Stella reagiert auf ihn ziemlich lobenswert – sie ist ihrer eigenen Glanzlosigkeit bewusst und behält ihr gesundes Selbstbewusstsein, obwohl sie ihn ein wenig anstarrt – es soll ja schließlich nicht völlig lebensfremd sein – jeder verguckt sich immer mal wieder. In der Situation ist für den Lacher gesorgt und die Heldin bleibt trotzdem weit fern von der dümmlichen, vom Äußerlichkeiten bezauberten Standartdame. Sie kann ihn kühl einschätzen, in seiner gespielten Rolle enthüllen und wird nicht zu leichte Beute.
Als sie sich den Finger an seinem Ring verletzt und nichts dazu gesagt wird, hat man schon das Gefühl über etwas im Dunklen gelassen zu werden, was sich ja später als wahr erweist. Die Rosen, die schleunigst verwelken sind ebenfalls für den aufmerksamen Leser eine Art Vorbote des mysteriösen Artes. In Katalins Wohnung wird es dann richtig unheimlich, wobei ich es zum Teil etwas zu dramatisch fand. Wir haben nicht nur verwelkende Blumen und flatternde Vorhänge, sondern auch zerbrechende Spiegel, die glühend heiß werden, zerberstende Fensterscheiben, geisterhafte Windstöße und entsetzliche Fratzengesichter in spiegelnden Oberflächen. Und eine Frau in Ohnmacht oben drauf! Der Leser bekommt auf jedem Fall ein Gefühl für Kulmination in dem Moment, und wird mit der Erkenntnis der Heldin belohnt, dass sie bzw. die Melodie die Ursache für den ganzen Spuk ist. Es hätte aber vielleicht ein wenig heruntergeschraubt werden können. Als positiv empfinde ich es hier, dass Stella schnell vom Begriff ist und die Verbindung zwischen Lied und Folgen ziemlich rasch herstellt.
Ich glaube, zusammen mit der großväterlichen Bemerkung, dass der Vater spurlos verschwunden ist, und mit der Erinnerung, dass Stella in einem bestimmten Abschnitt ihrer Kindheit geträumt hat, auserwählt zu sein, die Samen für eine weitere Vertiefung der Geschichte bzw. für eine neue Enthüllung gesät werden. Das wird sind noch zeigen!
Spätestens nachdem Trubic seinem „Man-toy“ den Ring mit der giftigen Nadel zeigt, wissen wir, dass Stella kein (gewöhnlicher) Mensch, sondern eine „Moroaica“ ist. Sie scheint auch unterdrückte Erinnerungen zu haben. Ihre Theorie bis jetzt ist jedoch, dass nicht sie, sondern die Melodie, die sie anstimmen kann, magisch ist. Doch spricht der Name, den Trubic und sein Doktorfreund für sie benutzen eher dafür, dass sie das Besondere ist und die Melodie mit ihrer Talente ausfüllt. Ob wohl der Großvater etwas mit der Erinnerungslücke zu tun hat? Ob er sie bewusst im Dunklen über ihr wahres Wesen gelassen hat? Oder wusste er selbst nichts davon? Was sie wohl noch im Stande ist zu machen? Ob sie die Kontrolle übernehmen kann und ihre Fähigkeiten bewusst einzusetzen lernt? Das wird sich vielleicht in dem zweiten Abschnitt zeigen!
Lustig fand ich es in diesem Abschnitt noch, wie es in dem Duell zwischen Trubic und Merentheim praktisch vorbestimmt ist, dass Merentheim gewinnen soll – auch wenn es dazu nachgeholfen werden soll!
Nicht gänzlich unerwähnt sollen natürlich die metallischen Vögel bleiben, die in der Wohnung des Dr. Krauß für einen Schreck sorgen. Ich muss sagen, so was habe ich nicht erwartet, so dass ich im ersten Moment gedacht habe, dass ein Monster ganz anderer Art erscheinen wird und von dem Vogel eher verwirrt war. Ich habe sogar Trubic und den Doktor hereinstürmen erwartet und habe mich gewundert, wieso sie so einen Lärm machen. Es macht aber im Nachhinein Sinn – natürlich, wenn der Krauß nicht für die Fortuna selbst, sondern für ihre magische Ausstattung zuständig ist, ist es nur selbstverständlich, dass Experimente in seiner Wohnung frei herumlaufen.
Ein netter Twist war auch die Geschichte mit „Chi-Chi“, die Schauspielerin, die ein Herz für den jungen Offizier und seine familiäre Probleme hat.
So viel von mir. Ich bin gespannt auf den zweiten Akt!
