Andrea, magst du noch ein bisschen was zu Emily erklären? Ich fürchte, ich bringe das jetzt nicht mehr zusammen, wie ist es dazugekommen, dass sie zur Kreatur des Nazgarth wurde?
Na klar

Der Nazgarth rekrutiert seine Helfer ja nach einem simplen (und nicht bewusst gesteuerten) System: Das, was er ausstrahlt, dringt in ihren Geist, sucht sich ihre sehnlichsten Wünsche und verspricht ihnen die Erfüllung, wenn sie dem Nazgarth und seinen Zielen dienen. Das funktioniert umso besser, je verzweifelter dieser Wunsch ist. Wenn der Nazgarth seinen Ruf aussendet, ist das wie ein Eisenspan, der in ein Feld von Magneten geworfen wird (wobei die Menschen den Magneten entsprechen) - er nistet sich dort ein, wo die Verzweiflung hinter dem Wunsch am stärksten ist.
Emily hat sich nach der Infektion mit dem Medikament aus Schattenläufer-Blut in 'Engelsjagd' in ein Monster verwandelt, und das, wo ihr die eigene Schönheit stets als das allerwichtigste Gut auf Erden erschien, das ihr ermöglicht hat, ihre Wünsche und Ziele zu erreichen. Einmal ausgelöst, wucherte diese Mutation immer weiter, befeuert von jedem Blutmahl, das sie zu sich nahm. Bis eine Kreatur übrig blieb, die nur unter extremsten Schmerzen existieren konnte, die sich selbst zutiefst hasste und verabscheute und sich doch nicht töten konnte, die also gezwungen war, immer weiter zu leben. Die Stimme des Nazgarth streifte sie und blieb an ihr hängen, denn Emily erwies sich als extrem fruchtbarer Boden - und noch dazu hielt sie sich in der Nähe des ersten Siegels auf.
So wurde Emily zum Sucher und begab sich, angetrieben von den Versprechungen des Nazgarth, auf die Suche nach den Siegeln. Und da von jedem Siegel ja ein winziges bisschen Kraft in sie hineinfloss, spürte sie auch, wie ihre Existenz sich bereits verbesserte. Vor allem, nachdem sie über die Kraft der Illusion verfügte, verzehnfachte sich ihre Motivation. Die Kraft der Siegel heilte sie auch, nachdem sie in Notre Dame von Anna mit der vergifteten Klinge verwundet worden war. Zwar verfügte sie durch die Mutationen über einen ähnlich widerstandsfähigen Körper wie Kain, sogar noch deutlich stärker, aber ohne die Hilfe der Stimme und die Magie der Juwelen wäre sie wohl am Gift zugrundegegangen.
Nun ist Emily zwar physisch extrem stark und deshalb nicht leicht zu besiegen, aber in diesem Körper steckt immer noch der Geist der etwas naiven, oberflächlichen und eitlen jungen Frau, die Violets Schwester war. Das wird ihr am Ende auch zum Verhängnis. Der Trick mit Annas Gesicht funktioniert nicht zweimal, und Kains plötzliche Huldigung, als sie in dieser Phönix-Gestalt steckt, lenkt sie lange genug ab, dass er sie verletzen und aus dem Konzept bringen kann. Weil es immer ihr wichtigstes Lebenselixier war, dass Männer ihr zu Füßen lagen.
Und Bartolo ist tatsächlich ein Verräter. Was genau war denn nun seine Motivation hinter alldem? Armageddon töten zu lassen, damit die anderen des Ordens als Versager dastehen und er die Macht übernehmen kann? Und mit dem befreiten Nazgarth meinte er, wäre er dann schon fertig geworden?? Ganz schön eingebildet, der Kerl!
Bartolo ist ja der Antagonist, aber einer, der nicht böse um des Bösen willen ist, sondern selbst zutiefst an die Richtigkeit seiner Ziele glaubt. Als junger Mann trieb ihn vor allem Ehrgeiz, deshalb stellte er seine Karriere auch über die Gefühle seines Bruders. Um seine Ziele zu erreichen, kennt er kaum Skrupel, denn er glaubt daran, dass der Zweck die Mittel heiligt. Er identifiziert sich mit dem Raphaelitenorden, es ist sein Leben und alles, was er kennt. Dass der Orden seine einstige Bedeutung verloren hat, schmerzt ihn zutiefst.
Aramäos Tod ist ein großer Triumph für den jungen Bartolo und katapultiert ihn in die Führungsspitze des Ordens, denn dieser Coup macht ihn zur Legende. Die kleine Anna, die er am Ort von Aramäos Tod vorfindet, bringt ihn allerdings aus dem Konzept. Bartolo ist zwar skrupelloser als die meisten anderen Ordensbrüder, aber die Ermordung des Kindes bringt er dann doch nicht übers Herz. Es ist ein Moment der Schwäche, und im Nachhinein rechtfertigt er es vor sich, indem er sich versichert, dass schon nichts passieren wird. Sie weiß nichts über ihre Herkunft, und wenn er sie gut behütet, wird sie es auch nicht erfahren. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemals ihre Hände auf die Siegel legt, ist doch verschwindend klein! Die Siegel sind seit vielen Hundert Jahren in alle Winde verstreut. Bartolo zieht das Kind auf, und er liebt Anna wie ein Vater. Das tut er wirklich. Und mit den Jahren verliert die potentielle Bedrohung durch ihre Herkunft auch an Schärfe für ihn, denn alles ist ja gut! Dass sie so hervorragende Talente als Schriftgelehrte zeigt, macht ihn stolz.
Und nun passiert das Undenkbare: Ein Engel wandelt wieder auf der Welt, und der Nazgarth erwacht. Damit hat niemand gerechnet, auch Bartolo nicht. Doch als es geschieht, begreift er blitzschnell, wie ihm das helfen kann, den Orden wieder erstarken zu lassen. Wenn der Dunkle Jäger erst ein paar Städte in Asche gelegt hat, wird man sich an die Raphaeliten erinnern. Und dann werden sie die Welt retten und dafür große Ehren erfahren. Ihre alte Bedeutung zurückerlangen. Wie durch göttliche Fügung hat er selbst das Werkzeug in der Hand, das sowohl den Nazgarth loslassen, als ihn auch wieder einkerkern kann.
Kain soll Armageddon töten, damit der Sucher ungestört seinen Job tun kann. Und Anna ist der Plan B - falls der Sucher stirbt, gehen die Juwelen durch ihre Hände, und die Siegel brechen in jedem Fall. Außerdem ist sie ihm, wie er glaubt, in treuester Loyalität ergeben, d.h. sie kann den Killer erledigen und zu ihm zurückkehren, ohne irgendwem ein Wort zu verraten. Dass sie bei der ganzen Aktion sterben könnte, glaubt er nicht. Sie ist immerhin vom Blut. Und er ist bereit, ein gewisses Risiko einzugehen, zu wichtig ist ihm das Gelingen dieses Jahrhundertplans.
Das ist die Tragik in Bartolos Charakter: Er hat große Überzeugungen und Träume, er ist in der Lage zu lieben, aber er ist auch ein Fanatiker und er verliert das Maß für die Dinge. Deshalb zerstört er, obwohl er eigentlich etwas erschaffen möchte, und tut verabscheuenswerte Dinge, die er vor sich selbst mit dem höheren Ziel rechtfertigt.
Der Kampf zwischen Kain und dem Nazgarth ging mir ein bisschen lange, aber Anna hat die Zeit ja gebraucht - aber was genau hat sie da getan? So richtig verstanden habe ich das wohl nicht...
Anna erklärt es am Ende ja ein wenig - es hat damit zu tun, dass sie durch ihre Abstammung quasi mit dem Nazgarth verwandt ist, und dass er verwandtes Blut nicht angreift, sondern sich im Gegenteil von der Gegenwart eines verwandten Wesens beruhigen läßt. Sie ist deshalb die Einzige, die die Juwelen berühren kann, und die vor allem - durch die magische Verbindung mit seiner Essenz in den Juwelen - mit seinem Geist 'verschmelzen' kann. Was sie getan hat, ist eigentlich einfach: Sie hat während dieser Verschmelzung das tobende Wesen beruhigt und zurück in den Schlaf gesungen. Die Essenz floss zurück in die Juwelen, und deshalb konnte sie sie wieder aus der Statue lösen und die Verbindung unterbrechen. Der Nazgarth schläft wieder.
Allerdings wird er das - wie Du schon richtig bemerkst

- nicht lange tun, denn der Engel ist ja immer noch da, und er zupft noch immer am Bewusstsein des Dunklen Jägers.
Also gibts wohl noch mindestens eine Schlacht, die geschlagen werden und eine Geschichte, die erzählt werden muss
