Leserundenarchiv > Charlotte Freise – Die Seelenfotografin
1. Abschnitt - S. 5 - 95 (Teil I)
Karla:
Hi ... erstmal Danke für die schönen Rückmeldungen bisher. :)
Eine Frage: Soll ich hier einfach auf Lob oder Kritikpunkte reagieren, oder warte ich, bis Ihr mich direkt auf etwas ansprecht?
LG, Karla
irismaria:
Hallo an alle in der Leserunde!
Ich habe Abschnitt 1 noch nicht ganz gelesen, bin aber schon fasziniert von der Art, wie du, Karla, die damalige Zeit an der Schwelle zur Moderne in Berlin beschreibst. Man kann sich alles gut vorstellen: den Rummelplatz mit seinen für uns heute doch sehr skurrilen Angeboten wie der (für uns heute menschenunwürdigen) Monstrositätenschau, das harte ärmliche Leben von Anna und Isabel, den Psychiater, die Fotografen - alles gar nicht so weit weg von unserem Leben und doch so fremd...
oder wie du, starone sagst:
--- Zitat von: starone am 22. Oktober 2011, 09:10:35 ---
Ja, diese Gedanken kamen mir auch unweigerlich in den Sinn ;). Denn so "alt" ist dieser Roman eigentlich gar nicht, aber alles liegt schon so weit zurück in unserer schnelllebigen Zeit und man muss bei manchen Schilderungen unweigerlich schon den Kopfschütteln wie die Menschen so leben konnten und auch noch zu dem glücklich waren/schienen. So fern und doch so nah wiederum so würde ich im Moment diesen Roman beschreiben.
--- Ende Zitat ---
Ruven als ehemaliges Heimkind hat es sicher nicht leicht, auch nicht bei seinem Arbeitgeber Bing - aber dass er ihm seine ganze Habe stiehlt um damit ein neues Leben anfangen zu können, finde ich schon ein starkes Stück! Ganz unbeobachtet war er ja nicht, Isabel und Peter haben ihn quasi in der Hand - mal sehen, wie sich das entwickelt.
Peter finde ich übrigens eine sehr sympathische Figur - wie er sich um Isabel kümmert und mit seiner Mutter umgeht.
Annabas:
Hallo miteinander,
ich bin auch angekommen. :winken:
Ich will erst einmal meine Gedanken niederschreiben, ohne die vorangegangenen Postings zu lesen:
Zeitlich habe ich die Geschichte in die frühen 1920er-Jahre eingeordnet, da einmal von dem "neuen" Geld die Rede ist und die Hinweise auf Arbeitslosigkeit, Fabriken die schließen müssen etc. auf eine Wirtschaftskrise weisen. Ich hoffe, das stimmt so.
Die ersten Szenen auf dem Rummelplatz und das geschilderte Elend haben mich leicht deprimiert - was für eine schwierige Zeit das war! Bing ist einer von denen, welche die Not der anderen (insbesondere junge Frauen) für sich ausnutzen, daher geschieht es ihm nur recht, wenn er Ärger mit der Polizei bekommt. :P
Aufgefallen ist mir natürlich die Zurschaustellung des "schwarzen Wilden". Irgendwie hätte ich erwartet, dass diese Zeit schon etwas aufgeklärter wäre und man einen "Wilden" nicht mehr so angaffen muss. Aber vielleicht erwarte ich von den Rummelplatzbesuchern der damaligen Zeit zu viel?
Als sich Ruven den falschen Namen "Peter" gibt und ein Kapitel später der Gassenjunge Peter auftaucht, hatte ich schon spekuliert, dass es sich um ein- und dieselbe Person handelt und sich die Geschichte auf zwei Zeitebenen abspielt - einmal vor und einmal nach Ruvens Gedächtnisverlust. Und schon lag ich wieder falsch. ;)
Annas Begegnung mit Ruven fand ich dagegen sehr spannend! Ich hoffe, dass das das Geheimnis um Ruvens Vergangenheit sich im Laufe der Zeit lüften wird. So wie ich es gelesen habe, erinnert das Aussehen von Ruven Anna ganz stark an jemanden anderen - und auch das Feuer, in dem Isabels Familie umkam, scheint da eine Rolle zu spielen. Das hat mich sehr neugierig gemacht!
Über Doktor Greipels Ausführungen über die "wandernde Gebärmutter" musste ich aber schon die Augen rollen. ::) Aus heutiger Sicht ist das natürlich ein Schmarrn, aber wenn ich denke, dass das die Menschen wirklich geglaubt haben ... da frage ich mich schon, ob der Arzt oder der Patient den größeren Schaden hat. ;)
Bisher sind mir Peter, Isabel und Anna sehr sympathisch. Anna ist eine handfeste Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht und der man wohl nicht viel vormachen kann. Isabel ist ein sehr intelligentes Mädchen, das vermutlich völlig unterfordert ist und das man aufgrund seiner Behinderung wohl auch nicht für voll nimmt. Und Peter ist ein Überlebenskünstler. Ruven Pintorov ist mir zunächst noch etwas fremd und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich diese Figur mag oder nicht. Er erscheint mir etwas "eckig", aber sein "Männerbund" mit Peter hat was Nettes.
Und jetzt lese ich erst einmal eure Meinungen.
Grüße von Annabas :winken:
Annabas:
Ich nochmal:
--- Zitat von: Tintenherz am 21. Oktober 2011, 17:35:22 ---Liebesgeschichte von Ruven und Isabel.
--- Ende Zitat ---
Stimmt, der Text auf der Rückseite des Buches deutet das an. Im Moment denke ich aber, dass die beiden gar nicht so gut zusammenpassen und hätte eher auf Peter und Isabel getippt. Aber das liegt vielleicht zu nahe? Wie auch immer, es wird spannend zu beobachten, wie sich das Verhältnis der drei zueinander entwickelt.
Wie alt ist Peter eigentlich? Ich hätte ihn gleich alt wie Isabel geschätzt, also 14 Jahre.
--- Zitat von: Imlammenien am 21. Oktober 2011, 19:42:53 ---ich konnte das Bett unter der Küchenbank vor mir sehen, den Hausflur riechen, die Gesichter der Menschen, die sich auf dem Rummelplatz herumtreiben, sehen.
--- Ende Zitat ---
Das hat mir auch sehr gut gefallen, irgendwie hat mich die Atmosphäre an die der Zeichnungen von Heinrich Zille erinnert. Die Bilder sind mir beim Lesen sofort in den Sinn gekommen. Es gefällt mir, dass diese Kopfbilder ohne ausufernde Beschreibungen entstehen, das finde ich sehr gekonnt. :daumen:
--- Zitat von: starone am 22. Oktober 2011, 09:10:35 ---Und ich glaube, dass macht den Kick bei diesem Buch sicherlich aus, dass die Geschichte und ihre Zeit noch nicht wirklich "alt" ist.
--- Ende Zitat ---
Es ist noch keine hundert Jahre her, aber mir persönlich kommt das Leben damals schon "alt" vor. Wenn ich mir überlege, welcher Aufwand für eine Fotografie noch nötig war (und das war nicht mal die wirkliche Anfangszeit, sondern schon die zweite oder dritte technische Generation) und wie wir heute mit unserer Digitalkamera im Handy Bilder um die Welt schicken, dann sind das riesige Fortschritte.
--- Zitat von: Karla am 22. Oktober 2011, 11:33:51 ---Eine Frage: Soll ich hier einfach auf Lob oder Kritikpunkte reagieren, oder warte ich, bis Ihr mich direkt auf etwas ansprecht?
--- Ende Zitat ---
Ich glaube ich spreche für alle wenn ich sage: einfach reagieren. :)
Viele Grüße von Annabas :winken:
Karla:
Hallo alle - das geht ja schon gut zur Sache hier - spannend! :)
Ganz kleine Anmerkung: Die Geschichte spielt in den 1870er Jahren, die Lebensumstände waren damals schon deutlich moderner, als ich zuerst bei der Recherche gedacht hatte. Also: S-Bahnbau, Stand der Induistrie, Medizin, Technik - das entspricht alles den 1870er Jahren. Irgendwo am Anfang erwähne ich die Zahl auch mal. Dachte ich zumindest. Aber nun finde ich sie selbst nicht mehr wieder. Hm ... vielleicht ist sie im Lektorat auch rausgeflogen, das ist jetzt schon wieder so lange her.
Was ich natürlich toll finde, dass diese Zeit für Euch plastisch rüberkommt. Ich lese selbst gerne Bücher, in denen der "Weltentwurf" nicht lang und breit erklärt wird, sondern quasi nebenbei mit einfließt. Ich musste ein bisschen rumprobieren, bis ich raushatte, dass ich das am besten hinkriege, wenn ich möglichst dicht an den Figuren und deren Wahrnehmung bleibe. Menschen nehmen ihre Umwelt ja so wahr, wie sie es gelernt haben - ganz selbstverständlich. Sie erklären sich und den andern nicht dauernd alles. Bei historischen Romanen, SF, Fantasy - allen Geschichten, die nicht in unserem gewohnten Alltag spielen - muss man die Balance zwischen einer authentischen Wahrnehmung der Figuren und Nähe zum Erleben der Leser / Verständlichkeit hinbekommen. Das ist eine Herausforderung, macht aber irren Spaß, wenn man es hinbekommt.
Es gibt z.B. einen Roman von Vernor Vinge - "Eine Tiefe am Himmel" - in dem sind die Hauptfiguren eine spinnenähnliche, intelligente Spezies. Er kriegt es hin, ein vollkommen exotisches Szenario so zu schildern, dass man es "erlebt", ohne dass einem ständig erklärt wird, wie dieses oder jenes funktioniert. Er hat es sogar geschafft, dass mir diese Spinnen sympathisch wurden. Obwohl ich mich im echten Leben sehr zusammenreißen muss, nicht aufzuqieken, wenn so ein Viech irgendwo langrennt. ::)
Interessant finde ich auch, dass Ruven manchen von Euch erstmal zweifelhaft erscheint und Isabel sympathisch. Vor einem halben Jahr war das in einer Leserunde genau anders herum: Da fanden die meisten Ruven sympathisch und Isabel fies. Bin ja sehr gespannt, wie sich das noch entwickelt. :)
LG, Karla
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