Verblüffend ist, dass die Quellen von damals absolut einstimmig ein solch negatives Bild von Barghash zeichnen; darin ist kein einziges gutes Wort über ihn zu finden, fast ausschließlich solche Schauergeschichten. Durchstöbert man Berichte neueren Datums, steht Barghash in ungleich besserem Licht dar: da ist er der gute Sultan, der viel für die Insel getan hat und endgültig die Sklaverei abschaffte. Dass er das nur tat, weil Großbritannien das von ihm verlangte und nicht etwa aus Menschenfreundlichkeit, fällt dabei fast immer unter den Tisch.
Finde ich sehr interessant, wie sich die Wahrnehmung über die Zeit verändert.
Das ist wirklich immer sehr spannend, manchmal auch erschreckend, wie sich die Wahrnehmung verändert im Laufe der Zeit und Menschen Dinge auf einmal ganz anders sehen.
Das ist es. Zufällig habe ich heute etwas Interessantes gehört, was dazu passt: dass es niemals eine objektive Betrachtungsweise gibt. Alles, was wir als Menschen betrachten, hat immer eine rein subjektive Perspektive - und ich möchte ergänzen: das ist auch immer durch die Zeit, in der wir uns befinden, eingefärbt.
(Auch etwas, das mich immer wieder fasziniert: wenn man sich eingehend über Bücher unterhält, langt man irgendwann bei ganz grundsätzlichen philosophischen Fragen an.)
Ich kann mir aber gut vorstellen, dass im Laufe der Zeit v. a. wichtig war, dass Barghash "der Gute" die Sklaverei, die "böse, böse Sklaverei" abgeschafft hat! Zumindest aus europäischer Sicht.
Das denke ich auch.
Interessant fand ich dazu aber die Gedanken von Salima, als sie in Hamburg die Menschen sieht, die im Elend leben und zwar frei sind, denen es aber schlechter geht, als den Sklaven auf Sansibar... Diese Gedanken fand ich ganz spannend, da sie auch wieder sehr gut zeigen, dass sich die Europäer für "etwas besseres" gehalten haben und immer noch halten und dabei aber nur aufgrund einer oberflächigen Betrachtung urteilen. Keiner hat sich wirklich die Mühe gemacht sich die "böse Sklaverei" im Detail anzusehen und darüber nachzudenken, ob es den Menschen teilweise nicht sogar besser geht... Ich möchte dabei bestimmt keinesfalls das gut heißen, nur finde ich es wichtig, dass man doch immer 2 Seiten einer Medaille betrachtet... Was leider viel zu oft nicht getan wird... 
Ich fand diese Gedanken von ihr auch so spannend. Klar, kein Mensch sollte je Eigentum eines anderen Menschen sein, darüber gibt es nichts zu diskutieren, und ebenso, dass ein solcher "Besitz" von Menschen Jahrhunderte lang die Hemmschwelle für Grausamkeit, Misshandlung und Vernachlässigung sehr niedrig gelegt hat, die statistisch sicher wesentlich häufiger die Regel waren denn die Ausnahme. Aber gerade wenn man sich die düsteren Seiten der Industrialisierung im 19. Jahrhundert betrachtet (oder heute mal in die sogenannte Dritte Welt schaut), dann kann man schon anfangen, über den Begriff "Freiheit" vor dem Hintergrund extremer materieller Not und dem Machtgefälle zwischen Arm und Reich nachzugrübeln.
Ich muss sagen, dass ich diesem Abschnitt ein wenig das Verständnis für Emily bzw. für ihre Handlungen verloren habe. Aber eines nach dem anderen!
Denn dass sie damit beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben, finde ich sehr gut nachvollziehbar und glaube außerdem, dass ihr dies auch seelisch gut tut, um das Erlebte zu verarbeiten. Und auch ihren Kindern hinterläßt sie auf diese Weise wertvolle Erinnerungen, über die sie ja anscheinend noch immer nicht sprechen kann oder will.
Ich persönlich bin davon überzeugt, dass ihr dieses Aufschreiben tatsächlich sehr gut getan hat. Über der Arbeit an diesem Buch habe ich mir sehr gewünscht, Emily hätte heute gelebt und die Möglichkeit gehabt, therapeutische Hilfe - in welcher Form auch immer - in Anspruch zu nehmen. Eben auch, weil ich immer wieder den Eindruck hatte, sie litt unter dem, was wir heute unter psychosomatischen Erkrankungen verstehen.
Die Erbitterung, die Emily zunehmend erfüllt, ist nur schwer zu ertragen, auch wenn sie natürlich grundsätzlich nachzuvollziehen ist. 
Das ist auch schwer zu ertragen, das ging mir bei der Recherche und beim Schreiben genauso.
Besonders schwierig fand ich aber die Stellen, an denen Emily ihrem Halbbruder seinen Wohlstand neidet. Zentral ist hier wohl der Begriff der Eigenverantwortung. Emily hatte sich damals für Heinrich und ihre Freiheit entschieden. Damit hat sie meiner Meinung nach auch den Anspruch auf das Leben im Sultanspalast sowie die damit verbundenen Annehmlichkeiten aufgegeben. Sie selbst scheint das aber anscheind ganz anders zu sehen, denn immer wieder klingt an, dass sie den sansibarischen Wohlstand als ihr gutes Recht betrachtet und nicht begreift, dass sie diesen damals ein für alle Mal aufgeben hat - und das Kraft ihrer eigenen Entscheidung.
Das ist für mich sehr schwer nachzuvollziehen. Die Erbitterung, die Emily zunehmend erfüllt, ist nur schwer zu ertragen, auch wenn sie natürlich grundsätzlich nachzuvollziehen ist. 
Hier sprichst du mir richtig aus der Seele: Genau das habe ich mir auch gedacht. Salima hat ihre Entscheidung getroffen: Für Heinrich und gegen die Konventionen von Sansibar und ich habe so das Gefühl, dass ihr anscheinend nie so wirklich bewusst war, was sie da tut! Ihre Flucht von der Insel war natürlich nicht mehr so ganz die eigene Entscheidung, jedoch hatte sie sich schon vorher für Heinrich entschieden, obwohl ihr doch klar war, dass sie damit auf Sansibar eine ganz furchtbare Tat begeht. Schon da hatte ich so das Gefühl, dass da doch so ein bisschen die verwöhnte Prinzessin durchblitzt, der in ihrer Kindheit doch alles durchgewinkt wurde.
Und das zeigt sich hier finde ich dann richtig deutlich: Sie pocht auf ihr Erbe, als ihr gutes Recht, denkt aber keinen Augenblick darüber nach, dass sie dieses Recht verspielt hat. Klar ist es aus Liebe geschehen und natürlich ist das nicht gerecht, aber das hätte ihr doch klar sein müssen, oder? Ich finde es auch einfach nur furchtbar, wie sie ihr Leben, in meinen Augen wegwirft, nur um ihrem Erbe hinterher zu jagen. Finde ich auch sehr traurig. Am meisten tuen mir ihre Kinder leid, die das zu meiner Überraschung alles mitragen!
Es ist sicher schwer, nach einer solch sorglosen, materiell gut gestellten Kindheit und Jugend und sogar noch jungen Erwachsenenjahren permanent materielle Not zu leiden. Noch dazu, wenn man das Gefühl hat, nichts Unrechtes getan zu haben, das einen in diese Not gebracht hat - während jemand wie Barghash im Luxus schwelgt. Da ist es dann auch nicht allzu weit weg, das als ungerecht zu empfinden.
Auch ihren Brief an Bragash (ich nehme an, hier gab es eine entsprechende Vorlage, Nicole?) finde ich nicht sehr geschickt. Auf der einen Seite versucht Emily zu betonen, welch tollen Status sie in Deutschland hat, auf der anderen Seite bettelt sie ihren Bruder an ihr die Rückkehr zu erlauben. Ich habe manche ihrer Formulierungen als anmaßend empfunden (und als nicht der Wahrheit entsprechend) und habe schon beim Lesen sehr bezweifelt, dass der Sultan ihrem Ersuchen nachgeben wird. Dass sie aber dann noch versucht Bargash und die Engländer gegeneinander auszuspielen, ist schon extrem ungeschickt!
Als ich die Briefe gelesen habe, musste ich auch nur noch den Kopf schütteln. Dass sie auch noch versucht England und ihren Bruder auszuspielen, hat mir wirklich die Haare zu Berge stehen lassen. Da kann sie noch von Glück sagen, dass das alles so glimpflich ausgegangen ist. Die Engländer hätten ihr auch noch Landesverrat oder ähnliches vorwerfen können. Damit hausiert man doch nicht einfach so! Nein, ich konnte da auch nur noch den Kopf schütteln.
Ja, Imlammenien, die Briefe im Buch basieren allesamt auf den entsprechenden Originaldokumenten.

Ich habe mich bei diesem Brief an Barghash auf eine englische Übersetzung gestützt; weil er viele Wiederholungen sehr ähnlicher Passagen (ein typisch arabisches Stilmittel) enthielt, habe ich ihn gestrafft und im Stil leicht an das Deutsch angepasst, das Emily selbst in ihren Aufzeichnungen verwendet hat.
Aus sansibarischer Sicht hat Emily eigentlich alles richtig gemacht; wenn ihr daran zurückdenkt, wie ihr Vater regiert hat, wie Majid sich Hilfe während der Revolte Barghashs holte - so weit entfernt davon ist das nicht, was Emily da tut.
Ich habe mich oft gefragt, ob sie auch so gehandelt hätte, hätte sie Sansibar früher verlassen, wenn die Prägung durch das Leben dort nicht so stark gewesen wäre. Wenn sie länger in Deutschland gelebt und mehr von den Werten, dem Verhalten in Europa in sich aufgenommen hätte. Ich meine ja.
Ich denke hier ganz ähnlich wie ihr. Vielleicht geht es ihr aber nicht nur um den besitz, sondern sie hofft insgeheim, doch noch von ihrem Bruder anerkannt zu werden ... wenn das mal icht schief geht!
Andererseits ist es doch blauäugig von ihr, wenn sie denkt, die hohe Politik würde sich um eine Witwe aus Sansibar kümmern, sie wird da leicht zwischen die Fronten geraten.
Das halte ich für einen ganz wichtigen Punkt, irismaria! Denn dieser Erbteil, den sie da - berechtigt oder nicht - anstrebt, in den sie sich da buchstäblich verbeisst, ist untrennbar damit verbunden, wieder in einem Bezug zu ihrer Herkunftsfamilie zu stehen, innerhalb dieser einen Platz zu haben.
Für mich hat sich da die Frage nach der Identität gestellt: wer ist Emily Ruete in dieser Phase ihres Lebens? Wie definiert ihre Umwelt sie, wie die Deutschen, die Engländer, die Sansibaris - und wie sie sich selbst? Wo ist ihr Platz? Wo gehört sie hin?
Grundsätzlich ist mir Emily aber nicht weniger sympathisch als vorher. Besonders berührt hat mich die Stelle, als sie nach Mtoni zurückkehrt und den Palast so völlig zerstört und verlassen vorfindet. Da musste ich direkt wieder mitweinen. Nicht einmal die Orangenbäume stehen noch...
Ob Emily dann aber wirklich noch einmal zurückkehrt, wie sie sagt, bezweifle ich ja...
Ja, die Stelle hat mich auch sehr berührt! Für mich hat das aber auch wieder gezeigt, wie egal Barghash die Vergangenheit ist und wie wenig Wert er darauf legt das Erbe seines Vaters zu erhalten. Emily ist tief getroffen, was ich verstehen kann, wobei ich aber auch das Gefühl habe, dass sie v. a. wieder "der guten alten Vergangenheit" hinter her trauert und wieder mal nicht sich an der Gegenwart erfreuen kann!
Ich finde, hier kann man Barghashs Verhalten zu Recht so deuten, dass er der Insel seine eigene Prägung aufdrücken, sich so weit wie möglich von der Herrschaft seines Vaters, seines Bruders absetzen will wie möglich.
Aber es wird langsam wirklich nervig, dass sie nicht einsieht, dass es einfach nicht möglich ist und ihr Leben vermutlich besser und angenehmer verlaufen würde, wenn sie es einfach gut sein lassen würde. Das ist bestimmt leichter gesagt als getan, aber ich glaube, es würde ihr (auch gesundheitlich) deutlich besser gehen, wenn sie dieses Kapitel einfach ein für alle Mal abschließen würde.
Ja, da hast du absolut Recht! In gewisser Weise zerstört soch Emily so selbst... 
Ja, das Gefühl habe ich auch...
Damit trefft ihr den Kern der Sache. Sie müsste loslassen - aber wie schwer muss das einem Menschen fallen, der bereits so viel verloren hat? Und wie gut sind wir, in der Regel tief verwurzelt, darin, loszulassen? Das waren Fragen, die mich dabei beschäftigt haben.