Autorenecke > Hinter dem Vorhang

Jedes Buch verlangt seine Sprache - oder doch nicht?

(1/1)

Stormcrow:
Hallo ihr Lieben

Ich hätte da mal so eine Frage an die Autoren hier, rein aus Neugier. Noch bin ich zwar "nur" Hobbyschreiberin, aber mir ist da etwas aufgefallen.

Und zwar ist es so: Ich schreibe momentan mehr oder weniger parallel an drei verschiedenen Skripten (was so ohne Verlags-Lieferungsdruck noch ganz gut geht). Dabei wird mir jedes Mal, wenn ich irgendetwas Neues produziere wieder bewusst, wie anders die "Sprache", also der Ton, der Stil, die Ausgestaltung im Vergleich zu den anderen beiden Skripten ist. Ich meine, ich habe schon "meinen Stil", der sich auch nicht so mir-nichts-dir-nichts ändern oder biegen lässt. Aber innerhalb von dem passen sich die Worte und Satzkonstellationen fast wie automatisch dem jeweiligen Skript an. Eines ist z.B. eine Erste-Person Erzählung und der gute Engländer hat seine Nase etwas weiter oben als der Rest der Welt. Und wenn ich schreibe, muss ich gar nicht darüber nachdenken, es kommt einfach so und es fühlt sich richtig an. Diese Ausdrucksweise kommt quasi von selbst, sobald ich weiss, ich schreibe jetzt in seinem Charakter (ich sage "in", weil ich dann auch wirklich drin bin ;)). Anders bei einem anderen Skript, dass schon von der Grundstimmung her eher - naja, wie soll ich sagen - "comicartig" ist, da ist der Ton abgehackter. Kürzere Sätze, mehr Fragmente und so. Aber auch bei dem: Ich überlege mir das vorher gar nicht explizit, das kommt einfach. Als würde das Skript es so "verlangen".

Versteht ihr was ich meine? Kennt ihr das auch?

LG
Stormy

SternenFee:
Hallo Stormy,

mir geht das ganz genau so. Ich finde, dass jeder Text seine ganz eigene Sprache hat. Meistens muss ich beim Schreiben nichteinmal darauf achten, bei welchem Text ich welchen "Ton" nutze, das ergibt sich von ganz allein. Momentan schreibe ich als "Schreibhilfe" für eine ältere Dame, die Ihre Geschichte erzählen will (das Buch sollte hier bald herauskommen). Sobald ich anfange mit ihr an diesem Buch zu schreiben bekomme ich einen ganz anderen Stil, die Sätze sind "geschnörkelter" und länger. Manchmal ist es, als ob jemand ganz anderes das Buch schreiben würde :)
Ich finde es ist wichtig sich so mit den Charakteren zu identifizieren. Nur so kann die Geschichte authentisch werden.
Schön zu hören, dass es dir auch so geht!

Viele Grüße!

Bernard:
Ich kenne das auch. Wenn ich Science Fiction schreibe, ist der Tonfall direkt viel "kälter" als bei Fantasy.
Bei Ich-Erzählern ist das natürlich besonders ausgeprägt, weil die Figur dann "den Ton angibt".

AnIanna:
Das finde ich sehr interessant - ich schreibe in ganz verschiedenen Genres und es ergeht mir genauso. Ich habe Ende letzten Jahres die letzten Änderungen an meinem Märchen geschrieben und dafür einen sehr breiten Wortschatz mit teilweise altmodischen Ausdrücken und Schachtelsätzen verwendet und zeitgleich an meinem Sachbuch gearbeitet wofür oft kurze, knallige Sätze Sinn machen.

Also ein Sprachwissenschaftler würde schon sehen dass es sich um den gleichen Schriftsteller handelt - aber es ist bei mir, ebenso wie bei euch, ganz automatisch dass ich einen komplett anderen Ton für jedes Werk anschlage.

Und da uns das allen so geht, stelle ich hier eine interessante Idee in den Raum: Was wäre wenn die Geschichten nicht von uns geschrieben würden sondern eigentlich uns benutzen um geschrieben zu werden??!
Ideen, viel langlebiger als wir einzelnen Menschen dringen durch Dimensionslöcher und bemächtigen sich unserer. Der gefeierte Schriftsteller als Stiefelknecht einer spielenden, autorenverschlingenden Gottheit der Künste.
Falls jemand daraus eine Story machen möchte... *Silbertablett hinhalt*;)

Navigation

[0] Themen-Index

Zur normalen Ansicht wechseln