Hallo zusammen,
ich habe das Buch gestern fertig gelesen und bin noch ganz berührt davon. Ich freue mich so sehr für Wanda, die ihr Glück am Ende gefunden hat, und dass gerade Inge ihr dieses Glück quasi "geschenkt" hat. Denn mir kam es nicht nur alleine als lieb gemeinte "Hilfestellung" vor, dass Inge den Brief abgeschickt hat, sondern auch wie ein großes Dankeschön. Ein Dankeschön an Wanda für die Unterstützung und spätere Freundschaft und das damit verbundene Mitziehen und Mit-Überleben. Denn ich glaube, wenn Wanda nicht gewesen wäre, wäre Inge nicht nur einmal einfach irgendwo "liegengeblieben". Inges immer stärker gewordene Abgestumpftheit und Teilnahmslosigkeit, die man gegen Ende mehr und mehr spüren konnte, war einfach erschreckend und es war Wanda, die sie immer wieder mitgezogen hatte. Avila hat auch das Beispiel mit der Fabrik genannt. Ich denke auch, dass Inges Zustand mit ein Grund war, dass Wanda dort weg wollte. Wanda hat am Ende immer mehr Geistesgegenwart gezeigt (auch den Zug nach Chemnitz zu verlassen), ohne die die beiden sicher nicht überlebt hätten. So gesehen empfinde ich Inges Tat schon als ein "Etwas-an-sie-zurückgeben", was auch einen recht hohen Wert hat, denn sie hätte es auch, mal egoistisch gesehen, einfach sein lassen können, denn dann bliebe ihr Leben mit Wanda zusammen erst mal wie gewohnt. So weiß Inge aber, dass sie in Zukunft erst mal (und zum ersten Mal) alleine bleiben wird. Von ihrer Mutter und auch ihrem Vater gibt es ja bisher auch kein Lebenszeichen. Und der Gedanke ist sicher nicht schön, um so mehr ist ihre Handlung zu schätzen, finde ich.
Noch eine kurze Bemerkung zu Inges Abgestumpftheit: Ginas Bild von Inges Leben,
dass sie platt walzt und aufrollt, um es dann zur Seite zu stellen war wieder ein eindringliches Bild, das Inges Zustand klar und deutlich spürbar gemacht hat. Dieses Bild ging mir wie all die anderen Bilder wieder sehr nah und ich will es hier einfach noch einmal extra erwähnen.
Und wie grausam es war, dass sie ihre Mutter so schnell, nachdem sie sie plötzlich gefunden hatte, schon wieder verlieren musste. Da muss man ja verzweifeln, wenn man sich gerade mal ein bisschen getraut hat, Hoffnung zu empfinden in all dem Elend, in dem man sich eigentlich befindet. Da ist es doch sehr verständlich, wenn man sich anschließend diese Gefühlsregung nicht mehr erlaubt und sich lieber "ausschaltet".
Besonders schön fand ich dann Wandas Aussage, dass sie damals auch sterben wollte, aber dann Inge getroffen hatte. Da wurde mir stellvertretend für Inge richtig warm ums Herz.
Was mich immer wieder wundert, wenn ich davon lese, ist die ganze Bürokratie. Genehmigungen für bestimmte Flüchtlingslager, für Ausreiseziele, für dieses und für jenes. Ich stelle mir bei so großen Fluchtbewegungen immer ein großes Durcheinander vor und wundere mich dann immer wieder, dass Bürokratie in dem ganzen Elend überhaupt noch möglich ist, dass man überhaupt den Nerv hat, sich um solche Dinge zu kümmern, wer jetzt z. B. wohin reisen soll und wohin nicht und dies auch überhaupt noch funktionieren soll. Es ist mir einerseits schon klar, dass man nicht den Überblick verlieren will oder eben auch Aufenthaltsorte damit festhalten kann und Ordnung reinbringen will, aber gefühlsmäßig habe ich immer das Gefühl, es gibt doch Wichtigeres als diese ganzen Formulare und Unterschriften und Genehmigungen. Ich war echt froh, dass die eine Dame die beiden einfach entgegen irgendwelcher Vorgaben nach Nördlingen schickte.
Der junge Offizier war wirklich toll, aber ich habe ihm am Anfang auch nicht so ganz über den Weg getraut. Wandas Traum fand ich klasse! Schön in die Geschichte eingearbeitet und er hat so viel ausgesagt. Die ständige Angst wieder einmal beklaut zu werden, die Furcht jemanden zu vertrauen. Das war ja allgegenwärtig - unvorstellbar!
Ja, der junge Mann war einfach zu gut um wahr zu sein. Dieses Gefühl hatte ich auch. Er war so rührend und fürsorglich und zum Verlieben lieb. Ich wollte es ihm so gerne glauben, traute der Sache aber auch nicht und habe dann Wandas Traum sofort als Realität geglaubt und war richtig traurig darüber, ja fast schon resigniert, vom Gefühl her. Um so größer war dann meine Freude, dass es nur ein Traum war! Das hast du wirklich toll gemacht, Gina. Dieses mit der Zeit entwickelte Misstrauen und die Angst vor dem Verhalten anderer Leute konnte man besser glaube ich gar nicht mehr deutlich machen!
Furchtbar empfand ich dann die Beschreibung, als der Bombenregen fiel. Das ist so eine schlimme Vorstellung, diese hilflose Angst, jeden Moment könnte man von diesen Dingern getroffen werden.
Zu Ursel möchte ich noch etwas sagen. Ich fand das total schön von ihr, dass sie von sich aus zu den beiden gegangen ist, um ihnen Essen zu bringen und war richtig erschrocken über Inges scharfe Reaktion. Ich kann Inge schon verstehen, aber es war die Mutter die gestohlen hat und diese hätte die Reaktion verdient. Für Ursel ist es bestimmt schlimm gewesen, so abgewiesen worden zu sein, nachdem sie es gut gemeint hat und Unrecht erkannt und wieder gutmachen wollte. Ich fürchte, das wird sie nicht mehr so schnell tun und das ist schade.
Und endlich ging es dann wieder aufwärts, sie bekommen eine Anstellung bei den Amerikanern. Und sie spielen Klavier. Schmunzeln musste ich dann darüber, dass sie die Jazzmusik als "Marschversionen" spielten, aber das war ja nun auch ganz neue Musik für sie und war für mich auch ein schönes Bild für den Neuanfang, der ja, wie die Musik, von den Mädchen auch erst wieder erlernt werden muss. Natürlich wurde ich durch die Musik- bzw. Jazzszenen gleich wieder an "Das Lied meiner Schwester" erinnert. Wie schön, dass du auch hier in die Geschichte wieder die Musik reingebracht hast, Gina. Man merkt, wie gerne du Musik magst.
Wie auch deine anderen Bücher, mochte ich auch dieses Buch hier wieder sehr gerne.
