Leserundenarchiv > Gina Mayer – Das Lied meiner Schwester

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Papyrus:
So langsam geht es ans Eingemachte.
Liebe Gina, die Beschreibung der Gewalt am Heiligen Abend 1929 gingen mir schon nahe. Die Brutalität und Aggression war wirklich anschaulich geschildert.
Ich bin gespannt, ob und wie diese Vorkommnisse Orlanda verändern werden.

Über Anna haben wir ja nun auch einiges erfahren.
Eigentlich ist sie musisch. Schade nur, dass der Vater kein Gefühl für sie hatte. Was ist falsch daran etwas praktisches, hier Krankenschwester, machen zu wollen. Irgendwie kann ich ihren leichten Groll gegen Orlanda und ihre Art zu Leben nun verstehen.

Welche Rolle werden Dr. Müller und Bredelin noch für Anna spielen? Hier sind 2 Männer mit großem Einfluss auf ihre weitere Entwicklung.
Und was bitte komponiert Bredelin da? Eine Zukunftsvision, welche Anna richtig gefühlt hatte? Ich glaube da hilft nur eines:  :lesen:

ulli:
Im zweiten Teil erfährt man mehr von der Familie, auch wenn Gina hier wieder nur Häppchen streut. Was ist mit der Mutter passiert? Gestorben ist sie wohl erstmal nicht, aber sie hatte ... einen Unfall? Jedenfalls konnte der Vater seinen Traum nicht erfüllen, er blieb als kleiner Organist in dem Ort. Orlanda - die Tochter mit dem klingenden Namen - soll später seine Träume erfüllen, Anna ist nicht begabt genug dafür.
Das wird ihr quasi in die Wiege gelegt, der armen Anna, die genauso träumt und hofft und auf ihrfe Art musikalisch ist wie die Schwester. Ernsthaftigkeit klebt an ihr wie ein Fluch, Verantwortung.
Leopold spielt in Orlandas Leben nun eine Rolle - sie sind ein Paar.
"Anna würde Leopold nicht mögen. Und Leopold würde Anna nicht mögen. Sie waren zu unterschiedlich. Tag und Nacht. Tugend und Leichtsinn. Und der Leichtsinn war um so vieles interessanter."
Das ist Orlandas Sicht, die ich nicht teilen mag. Anna würde gerne, wenn sie nur dürfte. Aber sie darf nicht, verbietet es sich selbst. Anna hat meine Sympathie.

Dr. Müller lernt Anna nun an, als OP Schwester. Die neue Aufgabe hat auch neue Arbeitszeiten, kein Schichtdienst mehr und Anna trat sich, Bredelin zu fragen, ob er sie an der Orgel unterrichtet. Er stimmt zu und die Orgelstunden sind ihr wöchentliches Highlight.
Durch Müller kommt auch die Politik ins Spiel. Man ahnt, was da noch auf sie zukommt.

Orlanda hat ihren Job verloren. Leopold ist in Amerika und nun hat Clemens freien Lauf. Es dauert, aber dann werden sie zu einem Paar. Als Cemens seine Chance wittterte, ließ er Fritzi fallen wie eine heiße Kartoffel. Blödmann.
Durch Fritzi kommt Orlanda zu ihrem neuen Job und lernt den Jazz kennen und lieben. Die Musik, die interpretiert und sich nicht an Noten hält, die spielt und tanzt und i immer neuen Variationen auftritt - diese Musik ist für Orlanda ein heißes Versprechen. So will sie leben, frei und ungebunden, ohne Regeln.
Doch dann kommt der Heilige Abend und ihr Traum wird jäh zerschlagen.

"Abends wird das Fenster unserer Zelle mit schwarzer Pappe verkleidet, als wolle man die Finsternis daran hindern, zu uns einzudringen." So fängt der Brief der Mutter an ihr Kind an - und er steht für die Zeit. Die Finsternis ist schon längst eingedrungen - in die Häuser und Herzen. Die Mutter weiß das genauso, wie sie weiß, was ihr passieren wird.

Ich bange und hoffe, obwohl ich weiß, dass es vergebens ist.

Tammy1982:
Hallo Ihr Lieben,

gleich der erste Brief zu Beginn dieses Abschnitts ließ mich schon ganz schön schlucken: Wie die Mutter beschreibt, wie sie fühlt, wie das Leben in sich heranwächst. Sehr berührend! Und wieder nur eine wage Andeutung, dass sie wohl etwas verraten hat. Aber was? Und wieso? Die nächsten Briefe werden immer düstere. Die Verhandlung rückt näher und die Frage, ob die Ungewissheit vorher nicht besser ist, als das was danach kommen wird, drängt sich in den Vordergrund. Die geschwärzten Briefe von ihrer Schwester, die sie bekommt, finde ich auch sehr hart. Wie einsam, wie isoliert sie ist. Der einzige Lichtblick ist das Kind, aber was passiert mit dem Kind, wenn sie verurteilt wird? Sehr bedrückend!

In der Vergangenheit verändert sich für Anna einiges: Sie wird OP-Schwester bei Dr. Müller. Zumindest keine Schichtarbeit mehr und sie lernt richtig viel bei ihm. Er scheint sie sehr zu prägen. Genauso wie Bredelin, der sich die Zeit nimmt und ihr Klavierspielen beibringt. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit fand ich sehr traurig. Der Vater hat Orlanda bevorzugt und sie dafür verachtet, dass sie anscheinend den Haushalt schließlich übernommen hat und die Vernünftige war! Das ist ziemlich hart!  :'(

Aber was war mit der Mutter der beiden? Anscheinend war ja schon zu Lebzeiten der Mutter nichts mehr in Ordnung? War sie krank? Irgendetwas muss da vorgefallen sein, dass der Vater seinen Traum von einer Karriere aufgeben musste und Orlanda nur noch mit Schrecken an ihr Zuhause der Kindheit denkt?  :-\

Orlanda ist mit Leopold - scheint es mir - nicht so richtig glücklich und denkt auch mehr an Clemens, als gut ist. Jedoch sagt sie zu Clemens nichts und er auch nichts zu ihr und obwohl er mit Fritzi Schluss gemacht hat, lässt diese nicht locker. Ach je, ein ziemliches Chaos und ich fürchte das bietet alles eine Menge Zündstoff, der schließlich noch viel Leid bringen wird.
Außerdem bin ich hellhörig geworden, als ich gelesen habe, dass Fritzi eigentlich eine Jüdin ist. Ach je, ich ahne Schlimmes!  :o

Sehr geschickt werden schon die ersten Anzeichen des Rassenhasses eingeflochten: Dr. Müller scheint ja auch gegen die Juden zu sein und als Anna sich über den anderen Arzt beschwert, ahnt sie vielleicht gar nicht, was das für den bedeuten wird. Die Aussage von Bredelin hat mir schon Schauer über den Rücken gejagt: "Wenn er kein Jude ist, hat er eine Chance sich zu bessern, mit einem jüdischen Stammbaum wird man ihn entlassen, das ist der Unterschied."  :o

Orlanda erlebt aber die Gewalt und den Hass direkt mit und das ausgerechnet am heiligen Abend!  :o

--- Zitat von: Papyrus am 08. August 2010, 08:43:19 ---So langsam geht es ans Eingemachte.
Liebe Gina, die Beschreibung der Gewalt am Heiligen Abend 1929 gingen mir schon nahe. Die Brutalität und Aggression war wirklich anschaulich geschildert.
Ich bin gespannt, ob und wie diese Vorkommnisse Orlanda verändern werden.

--- Ende Zitat ---
Oh ja, die Beschreibungen haben mich auch nur noch entsetzt. Wie sinnlos Menschen umgebracht wurden bzw. für immer verkrüppelt, nur wegen einem anderen Glauben...  :o Ich bin jetzt auch sehr gespannt, wie Orlanda das Ganze verkraften wird...


--- Zitat von: Papyrus am 08. August 2010, 08:43:19 ---Und was bitte komponiert Bredelin da? Eine Zukunftsvision, welche Anna richtig gefühlt hatte? Ich glaube da hilft nur eines:  :lesen:

--- Ende Zitat ---
Wow, diese Komposititon und die Gefühle und Bilder, die Anna dabei sah, die wohl schließlich irgendwann wirklich wahr geworden sind, haben mich richtig erschüttert! Ob Bredelin schon Vorahnungen hat, was die Zukunft bringen wird?  :o

Liebe Grüße
Tammy  :winken:

Sille:
Nun hat mich der Text echt gepackt und ich habe gestern Nacht echt lange gelesen ...

Der Brief der Mutter ist heftig ... "Die Zeit tropft in meinen Körper ..." und gleichzeitig hat man das Gefühl, irrt rinnt die Zeit davon! Und welchen Verrat meint sie? Spannend!!

Dr. Müller tritt in Annas Leben. Die beruflichen Veränderungen sind positiv - auch wenn sie völlig übergangen wird  :(. Trotzdem bin ich nicht sicher, was mich an Dr. Müller stört. Der ist so durchsetzungsfähig und von sich selbst überzeugt ... wenn das man nicht noch Probleme gibt ... irgendwie mag ich diesen Typen nicht (komisch, die meisten der Männer in diesem Buch sind mir unsympatisch!)
Skeptisch hat mich der Satz auf S. 71 gemacht: "Und ich werde ihn dabei begleiten, dachte Anna." Hoffentlich meint sie nur den OP!

Aber bei Anna wird es auch nicht langweilig - so wie Bredelin sie anspricht, ahnt man gleich, das da mehr draus werden könnte. Der wär mir auch irgendwie lieber, als der komische Doktor ...

Man erfährt auch mehr über Anna und ihre Familiengeschichte. Mir geht es so wie den anderen: ich finde es unfair, wie der Vater sie behandelt hat!!
Was mit der Mutter war, bleibt im Dunkeln. Ihre Todesdaten konnte ich auch irgendwie nicht einordnen. Was ist da wohl passiert?
Aber eine Friedel taucht auf! Kommt daher der Name des Mädchens?

Der nächste Brief der Mutter ist wieder bitter: "Gute deutsche Gründlichkeit ..." Ja, das können sie - beim Vernichten von Andersdenken waren sie wirklich gut ...  >:(

Da passt es natürlich, dass der edle Dr. Mükker auf das "Kommunistenpack" schimpft - ich ahnte doch, wo ich den einordnen muss ... und Anna kuscht erstmal brav vor ihm, und arbeitet und arbeitet ... die Arme!

Bredelin kommt doch da deutlich netter rüber - und erstaunt mich ehrlich gesagt mit diesem ergreifenden Inferno. Toll beschrieben!!  :winken:
Man darf für die Zukunft ein ebensolches Inferno erwarten fürchte ich ... und Anna geht es ja ähnlich, sie wird die Angst nicht richtig los.

Bei Orlanda wird es ja auch nicht langweilig: Leider ist Clemens echt ein Trottel und verlässt Fritzi *mecker*, dass er mit Orlanda anbandelt, als Leopold weg ist, war ja fast zu erwarten ...
Fritzi tut mir leid  :trost: und ich frage mich natürlich, ob hier schon eine Andeutung steckt: "Sie hatte ja auch nichts falsch gemacht. Sie war nur die Falsche. Orlanda war die Richtige." Hat das was mit der Zukunft zu tun??
Sie ist ja Jüdin und hat damit natürlich auch ein verdammt hohes Risiko in diesen Zeiten ...

Der Brief der Mutter ist kurz. Sehr kurz. Sie schreibt ihrem Kind, dass es lebt. Man ahnt die Todesangst der Mutter ...

Und dann kommt ein schreckliches Kapitel: Anna schwärzt Teitelbaum an - sie ahnt ja nicht, dass er Jude ist. Aber man merkt nun, was für ein Mensch der Dr. Müller ist!! Und die gestrenge Oberin ist also eigentlich eine gute Frau, denn sie versucht ihn zu schützen ...

@Gina: War das eigentlich Absicht mit dem doppelten Satz auf S. 117? Ich habe erst gedacht, ich werde echt müde und lese so unaufmerksam!  :-[

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