Autor Thema: 07 - Der siebte Tag - Dieses eine Mal, für immer + Solang wir uns wiedersehen  (Gelesen 887 mal)

Aldawen

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Offline Wendy

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Hallihallo!

In meinem gestrigen Lese-Endspurt durfte ich ja nun endlich in alle Geheimnisse eingeweiht werden und das wunderschöne und wirklich gelungene Ende dieses Buches erleben. Mir hat alles am Ende gefallen. Vor allem natürlich, dass Gaspard und Justine zusammengefunden haben. Dass es das Aufziehen der Uhr war, was das Chaos schließlich abgewandt und den "normalen" Lauf der Dinge wieder hat beginnen lassen, fand ich auch sehr nett. Ein schöner Bogen um den ganzen Roman.

Ganz verstanden habe ich das letzte Justine-Kapitel aber nicht. Die beiden trennen sich ja, damit Gaspard Hemingway treffen kann (gaaaaanz großartige Szene, übrigens  :herz:) und damit Justine ihren Tag beenden und alles mit Alphonse klären kann. Dass sie dann am Abend aber dasteht und kein Gaspard in Sicht ist, hat mich wieder verwirrt. Ist das Ende einfach als ein offenes gedacht oder dürfen wir schon annehmen, dass die beiden gemeinsam verreisen und ihr Glück in den Weiten Frankreichs suchen?

Sehr schön fand ich, wie Alphonse und Esmée verblieben sind. Dass sie jahrelang von ihrem Vater gestohlen hat, um Alphonse die Illusion zu lassen, dass das Jardin doch recht gut läuft, ist ein so großes Zeichen von Liebe, dass mir dabei ganz warm ums Herz wurde. Obwohl sie ihn natürlich auch jahrelang angelogen hat. Aber ich finde, dass die beiden eine gute Regelung gefunden haben und freue mich, dass sie zum ersten Mal wirklich glücklich scheinen.

Chloderic und Orlando: Hahahaha, was hab ich gelacht. Dass der stinkstiefelige Blödian nun als Lakai für den Zwerg arbeiten muss, ist einfach köstlich! He had it coming. Mehr kann man dazu nicht sagen.

Die Offenbarung, dass Ravi von Blanche geschaffen wurde und eigentlich SIE die Zauberin ist und er "nur" ihre Schöpfung, hat mich ziemlich baff zurückgelassen. Natürlich gab's da immer wieder Kommentare über seine kalten Hände, aber darauf wär ich nie gekommen! Und dass durch dieses Abenteuer nun einerseits er seine wahre Freiheit erlangt hat und andererseits das Band zwischen den beiden getrennt ist, finde ich wunderschön. Denn nun ist es ein Zeichen wahrer Liebe, wenn die beiden doch zusammen bleiben. Denn nur wenn man wählen kann, ist so eine Beziehung etwas wert. Dazu hab ich eine ganz fixe Meinung und ich freue mich, dass Ravi und Blanche nun die Chance haben, sich jeden Tag aufs Neue füreinander zu entscheiden. :herz:

Alles in Allem bin ich schwer begeistert. Was für einen schönen Roman du da geschrieben hast, Oliver. "Fairwater" ist schon in meinem virtuellen Einkaufswagen und wartet nur auf Monatsbeginn (Studentenfinanzen, du verstehst  ;)).

Liebe Grüße,
Wendy
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Offline Oliver Plaschka

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Hey Wendy,

freut mich sehr, dass Dir das Ende gefallen hat. Das ist finde ich das wichtigste: das Gefühl, mit dem einen ein Roman zurücklässt; um so schöner, dass auch die "individuellen" Enden für Dich funktionieren (gelegentlich wurde z.B. das Orlando/Chloderic-Ende als etwas zu klischeehaft bezeichnet, aber wie Du ganz richtig sagst, he had it coming -- die ganze Figur ist darauf ausgelegt, am Ende glattgebürstet zu werden  ;))

Die Hemingwayszene gehört auch zu meinen Favourites; als ich über diesen Abschnitt seiner Biographie stolperte, wusste ich, dass ich den verwenden wollte; Gaspard sollte sein Idol zu genau dem Zeitpunkt treffen, wo er an alle guten Ratschläge, die er sonst vielleicht gegeben hätte, selbst nicht mehr glauben konnte -- damit Gaspard erkennt, was er hat.

Was das Ende von Justine und Gaspard anbelangt: ja, unbedingt Happy End! Gerade den beiden konnte ich das keinesfalls vorenhalten. Nur: das letzte, was wir chronologisch von ihnen erfahren, ist, dass Gaspard zum Bobino geht, um sie abzuholen; und sie hat ihre Tasche schon dabei (damit sie direkt nach der Vorstellung los können) --  (S.411). Blanche sieht sie dann noch symbolisch aus "Verona" aufbrechen und davongehen (S. 416).

In der letzten Szene aber begegnen sie sich ja wie immer Mittags; keine Zauberer weit und breit; Justines Tasche steht oben auf der Treppe, neben der Uhr; sie geht abends nicht weg; und Gaspard kehrt offenbar nicht zurück (vielleicht, weil er Hemingway nicht gefunden hat?) Ergo kann das wohl nicht derselbe Tag wie in "Dieses eine Mal, für immer" sein ...

Dämmert's ...? :)

Offline Wendy

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In der letzten Szene aber begegnen sie sich ja wie immer Mittags; keine Zauberer weit und breit; Justines Tasche steht oben auf der Treppe, neben der Uhr; sie geht abends nicht weg; und Gaspard kehrt offenbar nicht zurück (vielleicht, weil er Hemingway nicht gefunden hat?) Ergo kann das wohl nicht derselbe Tag wie in "Dieses eine Mal, für immer" sein ...

Dämmert's ...? :)

Hm.... kann es sein, dass diese letzte Szene also der eigentliche "richtige" Sonntag war, an dem das ganze Chaos begonnen hat? Ich steh' wohl grad wirklich auf der Leitung, aber das ist mir im Moment die einleuchtendste Erklärung. Wenn das so ist, dann finde ich es schön, dass wir (im Gegensatz zu Ravi) doch noch erfahren, wie der eigentlich Sonntag ausgesehen hätte. Es würde auch passen, weil Ravi ja darüber nachgegrübelt hat, dass ihm genau dieses Wissen fehle. Na, liege ich ungefähr richtig?  ;D
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Offline Oliver Plaschka

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Yup  :) Ist ja die einzige Möglichkeit, die bleibt (an allen anderen Tagen erfahren wir entweder Mittags oder Abends, was aus ihnen wurde ...) Ich wollte das als etwas nostalgischeren Nachgedanken noch anhängen, weil vorher ja alles so "perfekt" lief -- und das, obwohl die Zauberer (wie Du ja sagst) eigentlich nie herausgefunden haben, was "ursprünglich" gewesen wäre.

Offline Seychella

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Ich habe das Buch heute morgen beendet, und laufe seitdem irgendwie verzaubert durch die Gegend - ich stecke noch in der Geschichte fest und stehe ein wenig neben mir. Es war richtig toll, und der letzte Abschnitt war berührend, überraschend, wunderschön und auch geheimnisvoll (immerhin bleibt noch Barneby).

Und voller gelungener Beschreibungen wie dieser:

Zitat
Wenn die ersten Sonnenstrahlen den Boulevard berühren, scheint er ein waldgesäumter Strom zu sein, wie eine dieser Gemäldelandschaften, zu detailreich, als dass man sie je ganz erfassen könnte. Die Strahlen brechen über die Dächer hinweg und tanzen in tausend Tupfern über die Kastanienwipfel, flackern tiefer wie Schmetterlinge, und treffen in dicken Bündeln auf das Straßenpflaster: erst drüben, bei der Rotonde, wo Balzac in seinem Morgenmantel wie ein Wegelagerer zwischen den Bäumen lauert, dann streichen sie über die blitzenden Gleise, die zu Streifen flüssigen Rotgolds verschwimmen, bis sich der Lichtersee über das ganze Carrefour Vavin ergießt.

Der Beginn des Tages und die Rückkehr der Sonne liest sich nicht nur toll, es werden auch gelungene Bilder benutzt. Bilder, die man von anderen Orten und anderen Sonnenaufgängen kennt - zudem sehr treffend beschrieben.
Auf ganz andere Weise hat mich die Begegnung von Justine und Gaspard berührt, diesmal erleben wir sie aus dem Blickwinkel von Esmee. Glücklicherweise hat Barneby dann dafür gesorgt, dass die beiden nicht gestört wurden - dieser Moment, als er Esmee zurückhielt, hatte für mich eine besondere Ausstrahlung.

Ravi bzw. das, was er ist, war für mich eine riesige Überraschung. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat Blanche ihn aus sich selbst heraus erschaffen - ihm sein Lächeln, die Augenfarbe, ... mitgegeben. Daher auch die starke Verbindung zwischen ihnen, die erst abriss als Blanche ihren Apfel-Zauber wirkte. Sie ist die Zauberin, und hat ihr Schicksal ganz in die Hand ihrer "Schöpfung" gegeben - mit dem Ziel, sie eigenständig zu machen, zu einem individuellem Wesen. Und ihr ist nun gelungen, was sonst noch niemand vollbracht hat. Allerdings beschäftigt mich diese Houdini-Szene noch - ist das auch etwas, was ihm Blanche mitgegeben hat, oder etwas anderes?

Im Nachhinein macht dieser Satz von Barneby dann auch einen ganz anderen Sinn:

Zitat
“Monsieur Ravi ist eine gute Seele”, brummte Barneby, “und sicher sehr einfühlsam. Ich glaube aber nicht, dass er eine Ahnung davon hat, was Schmerzen sind. Bei mir, sehen Sie, verhält es sich gerade umgekehrt.”


Und wo ich gerade bei Barneby bin... Er ist nach wie vor ein Rätsel. Und wenn ich das obere Zitat mal umdeute... Dann sieht er sich entweder als keine gute Seele oder als nicht einfühlsam - womöglich auch beides. Dazu die Andeutung, dass er nur in der Luft frei von den Spielen ist, die er am Boden spielen muss. Und diese Sehnsucht, das "Aussaugen" von Orten - darum bleibt er nie lange an einem. Ruhelos, und Schicksal spielend. So aufgeschrieben finde ich das noch verwirrender! Ob es für ihn irgendwann ein Wiedersehen mit Serafina geben wird?

Gaspard hat es auch geschafft, sein Vorbild zu treffen. Er hat Wein mitgebracht, und ein zweites mal geklingelt. Und wurde davon überrascht, dass Hemingway ganz anders ist, als er gedacht hätte. Diese Szenen haben mir gefallen - auch dass über alles mögliche aber nicht Gaspards Manuskript gesprochen wurde. Und er erkannt hat, was er hat. Da er sein Manuskript zurückgelassen hat, liegt die Vermutung nahe, dass er es noch einmal probiert - allerdings mit "echten" Figuren, nicht mit einer Frau die er niemals getroffen hat.

Und zuletzt erfahren wir sogar noch, wie der erste - der ursprüngliche - Sonntag ausgesehen hat. Da war ja auch noch diese Tasche, über die Ravi gestolpert ist... Ich finde es total schön, dass sich Justine und Gaspard bereits dort getroffen haben und gemeinsam gehen wollten. Ganz ohne die Einmischung von anderen...

Aldawen

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Um mit dem für mich besten Ende anzufangen: Orlandos Degradierung. Was hab ich gelacht  :D  Chloderic wurde mir da noch mal richtig sympathisch. Tja, so ist das eben, wenn man seine Untergebenen mies behandelt. Wenn sie sich mal rächen können, dann besonders gründlich.

Gaspards Begegnung mit Hemingway hat mir allerdings auch sehr gut gefallen. Ich glaube ja nicht, daß er noch Schriftsteller werden wird, aber das macht auch nichts. Dafür hat er sicher etwas fürs Leben gelernt, und außerdem hat er ja jetzt auch Justime  :herz:  Und auch wenn Esmée und Alphonse gleichfalls zu einem, natürlich ihrer Situation angemessenen, Happy-End finden, und Ravi und Blanche wohl auch, so war mir das trotzdem nicht zu viel Schmalz, obwohl das leicht hätte passieren können. Dafür ist vor allem die lange überfällige Aussprache zwischen dem Wirtspaar und die neue Basis für ihre Ehe, die sie sich geben wollen, verantwortlich, denn sie fallen sie sich ja trotzdem nicht in neu entflammter Liebe um den Hals. Soso, Ravi ist also eigentlich ein Djinn, da war ich mit meiner Vermutung wegen seiner kalten Hände ja nicht so weit weg von der Auflösung  ;)  Blanche gefällt mir mit ihrer Einstellung sehr gut, das sehe ich ähnlich wie Wendy:

Denn nur wenn man wählen kann, ist so eine Beziehung etwas wert. Dazu hab ich eine ganz fixe Meinung und ich freue mich, dass Ravi und Blanche nun die Chance haben, sich jeden Tag aufs Neue füreinander zu entscheiden. :herz:

Sie geht natürlich das Risiko ein, daß Ravi sie verläßt, aber andererseits: Was wäre die Beziehung auf Dauer wert, wenn sie nur durch eine solche magische Bindung des Zauberers zum Dämon getragen wird? Nein, da ist es so schon viel besser  :)

Ganz verstanden habe ich das letzte Justine-Kapitel aber nicht. Die beiden trennen sich ja, damit Gaspard Hemingway treffen kann (gaaaaanz großartige Szene, übrigens  :herz:) und damit Justine ihren Tag beenden und alles mit Alphonse klären kann. Dass sie dann am Abend aber dasteht und kein Gaspard in Sicht ist, hat mich wieder verwirrt. Ist das Ende einfach als ein offenes gedacht oder dürfen wir schon annehmen, dass die beiden gemeinsam verreisen und ihr Glück in den Weiten Frankreichs suchen?

Das habe ich mich auch erst gefragt, aber die Lösung, die Oliver angedeutet und Du ausformuliert hast, ist dann auch die einzig logische.

Und wo ich gerade bei Barneby bin... Er ist nach wie vor ein Rätsel. Und wenn ich das obere Zitat mal umdeute... Dann sieht er sich entweder als keine gute Seele oder als nicht einfühlsam - womöglich auch beides. Dazu die Andeutung, dass er nur in der Luft frei von den Spielen ist, die er am Boden spielen muss. Und diese Sehnsucht, das "Aussaugen" von Orten - darum bleibt er nie lange an einem. Ruhelos, und Schicksal spielend.

Barneby kann ich auch immer noch nicht recht einordnen. Das mit der Freiheit in der Luft könnte sich ja noch darauf beziehen, daß er dort dem Einfluß der Société entkommt (oder dieser zumindest arg vermindert ist). Und das mit der „guten Seele“, die er nicht haben will, verbuche ich einfach mal unter britischem Understatement  ;)  Aber trotzdem ist er ein bißchen undurchsichtig geblieben ...

Offline Oliver Plaschka

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Hallo am Ende  :)

Freut mich, dass der Tagesbeginn Dir gefällt, Seychella. Mit den Beschreibungen des Boulevards bin ich auch sehr glücklich; und es hat großen Spaß gemacht, den Leser auf diesen ersten Seiten noch ein wenig hinzuhalten, was jetzt aus allen geworden ist, aber einfach schon mal eine friedfertige "Happy-End-Stimmung" auszubreiten :-) Ebenso wie die Magier sich hier ein letztes Mal als Kuppler betätigen (oder "Schicksal spielen") zu lassen.

Blanche hat Ravi erschaffen, das ist richtig; in wieweit sie das "aus sich selbst heraus" getan oder ihn "gerufen" hat, wie sie es in einem ihrer Träume einmal formuliert, möchte ich offenlassen. In jedem Fall ist er zunächst nicht mehr als ein Geschöpf, und am Ende ein "echter" Mensch.

Was die Houdini-Szene angeht: ich wollte ihn sein Idol treffen lassen, ebenso wie Gaspard Hemingway; auch als Vorbereitung auf das, was ihm bevorsteht (auch er braucht jemanden, der ihm Mut zuspricht :-)) Wahrscheinlich findet dieser Dialog zwar nur in Ravis Vorstellung statt, ganz ausschließen möchte ich aber auch nicht, dass Houdini vielleicht doch noch über ein paar Trümpfe im Ärmel verfügte, von denen man nie erfuhr ... deshalb das leicht ominöse "es war das letzte Mal, das wir so sprachen" am Ende der Unterhaltung.

Dass Barneby sich nicht für eine gute Seele hält, dürfte, wie Aldawen richtig anmerkt, vor allem britisches Understatement sein. Dass er weiß, was Schmerz ist, dürfte dagegen schon richtig sein. Ich fand, Barneby wirkt (ähnlich wie Céleste) am Stärksten, wenn man nicht alles über ihn erklärt; da er auch nicht die Hauptfigur ist, fand ich das auch okay. Er ist eine Art von Figur, die mich schon lange beschäftigt, und wenn man Blanches Traumbilder dessen, was er schon alles getan oder probiert hat, oder dem Dialog mit Ravi auf dem Friedhof Glauben schenken mag, dann ist er wohl ziemlich alt -- und vielleicht auch ein wenig müde. Ich stelle ihn mir als einen sehr alten Zauberer vor, der alle paar Jahre oder Jahrzehnte eine neue Persona für sich erschaffen, eine neue Obsession finden, ein neues Spiel beginnen muss, um nicht die Freude an sich und der Welt zu verlieren. Im Zuge dessen hat er das "so tun als ob" zu seinem Lebensprinzip gemacht. So stelle ich ihn mir zumindest vor, und ich hoffe, eine Ahnung dessen spricht auch aus der Figur.

Und zuletzt erfahren wir sogar noch, wie der erste - der ursprüngliche - Sonntag ausgesehen hat. Da war ja auch noch diese Tasche, über die Ravi gestolpert ist... Ich finde es total schön, dass sich Justine und Gaspard bereits dort getroffen haben und gemeinsam gehen wollten. Ganz ohne die Einmischung von anderen...

Sie wollten schon, das ist richtig -- sie sind also durchaus füreinander "bestimmt", wenn man so will; aber ohne die Einmischung der Magier, ihrem schlechten Gewissen, und auch einer Reihe falscher Rückschlüsse ihrerseits, währen die beiden nicht zusammengekommen. Das fand ich eine schöne Idee; dass es etwas gibt, was auch die Magier nicht wissen, und die unabsichtlichen Gewinner der Geschichte Justine & Gaspard sind.

Offline Breña

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Hallo,

ein bißchen traurig bin ich ja schon, das Buch nun beendet zu haben, auch wenn ich mich freue, endlich die Auflösung zu kennen. ;) Ich bin mir sicher, dass ich es mit diesem Wissen nochmal lesen und dabei nicht weniger gut unterhalten werde.

Wirklich überrascht hat mich die Beziehung von Ravi und Blanche. Ich war mir sicher, er sei der mächtige Zauberer und sie seine Assistentin, die sich seine Tricks abgeschaut hat, und habe gespannt auf ihre Beweggründe gewartet, umso besser gefällt mir die Auflösung!

Ein wenig zu glücklich ist mir das Ende allerdings. So bitter es manchmal ist, habe ich nichts dagegen, wenn Autoren ihren Figuren auch mal kein Happy End gönnen. Das ist wie mit Zartbitter- und Vollmich-Schokolade - ich esse lieber Zartbitter. ;) So kam mir der leicht melancholische Tonfall im Epilog auch entgegen, es hätte alles schließlich auch ganz anders kommen können...

Wirklich Verlierer haben wir wenige - Orlando ist sicher einer, aber ihm wünscht es wohl jeder und es war nicht anders zu erwarten. Chloderic gönne ich im Gegenzug seinen Triumph absolut, der Don bietet ein tolles Bild. ;D Und dadurch, dass er keine Seele besitzt, die ihm der Teufel abluchsen kann, hat er sogar in doppelter Hinsicht gewonnen. Durch Orlandos herabgefahrene Seele hat sogar der Teufel gewonnen, auch wenn er sein eigentliches Ziel nicht erreicht hat. Céleste und Serafina sind für mich hingegen ebenfalls Verlierer. Céleste, weil sie ihre Macht und Einzigartigkeit eingebüßt hat, Serafina, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Katze jemals etwas anderes als eine Katze sein möchte (meine drei bestätigen meine Annahme, auch wenn sie freien Zugriff auf Essensvorräte bestimmt begrüßen würden).

Damit ihr mich nicht falsch versteht: natürlich bin ich glücklich über den Ausgang für Ravi und Blanche, wobei den beiden die Bewährungsprobe eigentlich noch bevorsteht - kann ihre Liebe auch ohne magische Bindung und im Alltag überstehen? Was mir allerdings noch unklar ist, ist ob Blanche dieses Eingreifen der Société vorausgeahnt hat, also genau dieses. Konnte sie ahnen/ wissen, dass eine Zeitschleife entstehen wird? Oder hat sie nur geahnt, dass ihr gottgleicher Schöpfungsakt Unmut in irgendeiner Form heraufbeschwören wird? Und damit komme ich auch zurück auf meine Frage, ob der Teufel allein die Société darstellt, oder ob sie vielleicht aus ihm und Gott gemeinsam besteht und letzterer sich nur vornehm zurück hält. Er müsste sich doch viel mehr auf die Füße getreten fühlen, da Blanche sich seine Fähigkeiten zu eigen macht, im Gegensatz zum Teufel, der "nur" eifersüchtig hinnehmen muss, dass sie etwas kann, was er nicht kann. Oder vertritt der Schöpfer den Standpunkt, dass der übereifrige Widersacher es schon regeln wird?

Ich versuche erst gar nicht, jetzt einen Bogen zu schlagen sonder komme einfach zurück zum Ausgangsthema - auch für Justine und Gaspard freue ich mich. Justine kann aus ihrem immer gleichen Alltag ausbrechen und endlich ein Leben beginnen, das sie glücklich macht, und auch Gaspard hat erkannt, was er sich wirklich wünscht - nicht die perfekte literarische Frau sondern eine aus Fleisch und Blut. ;) Am meisten freut mich aber das Happy End für Alphonse und Esmée, weil es eher unverhofft kommt.

Hemingways tatsächlicher Auftritt überraschte mich ein wenig, war aber durchaus gelungen. Ich stelle es mir nur schwierig vor, eine reale Figur in so einem Roman unterzubringen. Trotz intensiver Recherche gibt es bestimmt immer jemanden, der ein Haar in der Suppe findet, oder? ;) Mir jedenfalls hat sein bodenständiger Rat sehr gut gefallen.

Insgesamt hat mir das Buch und vor allem auch das Spekulieren und Diskutieren hier sehr viel Spaß gemacht, und ich hoffe, Oliver, Du kannst meine letzten (beiden großen) Fragen noch klären bzw. mich auf meine Denkfehler aufmerksam machen. Ich habe wirklich das Gefühl, langsam einen Knoten im Gehirn zu haben. Du hast meinen größten Respekt dafür, nicht nur die Idee zu dieser Geschichte gehabt sonder vor allem den Überblick behalten zu haben!

Viele Grüße
Breña
"It is not true that we have only one life to live; if we can read, we can live as many more lives and as many kinds of lives as we wish."  S.I. Hayakawa

Offline Breña

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Der Beginn des Tages und die Rückkehr der Sonne liest sich nicht nur toll, es werden auch gelungene Bilder benutzt. Bilder, die man von anderen Orten und anderen Sonnenaufgängen kennt - zudem sehr treffend beschrieben.

Unbedingte Zustimmung meinerseits!

Dass Barneby sich nicht für eine gute Seele hält, dürfte, wie Aldawen richtig anmerkt, vor allem britisches Understatement sein. Dass er weiß, was Schmerz ist, dürfte dagegen schon richtig sein.

Mir gefällt, dass Du von Deinen Figuren im Konjunktiv sprichst, das verleiht ihnen auch außerhalb des Buches einen Anstrich von Realität. :) Und zeigt mir als Leserin, dass sie Dir als Autor sehr nahe sind. ...wieviel Schriftstellerei steckt wohl in Blanches Schöpfungsprozess? ;)

Lieben Gruß
Breña
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Offline Oliver Plaschka

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Hallo Breña,

freut mich, dass das Buch Dich mit einem guten Gefühl zurücklässt :) Ich weiß, was Du mit "Zartbitter" meinst; ein so glückliches glückliches Ende habe ich auch noch nie geschrieben und werde es so schnell wahrscheinlich auch nicht mehr. Für diese Geschichte, die von vornherein als romantisches Verwirrspiel geplant war, hätte ich mir aber kein anderes Ende denken können. Über den Epilog haben wir ja schon gesprochen; das ist sicher die pessimistischste, un-magischste Variante, die das Buch anbietet, und in der die Namen der Figuren auch zu telling names werden; Justine die Aufrechte, die wartet, und Gaspard der Narr, der es einfach versiebt und nicht wiederkommt (einziger Hoffnungsschimmer wieder: der Konjunktiv :) -- und dass gefühlt irgendwie doch alle Wirklichkeiten nebeneinander existieren).

Céleste ist defintiv die große Verliererin der Geschiche, aber gerade deshalb gehört sie zu den Figuren, die mich nicht richtig loslassen (ja, meine Figuren sind ziemlich real für mich :)) Zu Justine & Gaspard werde ich kein Wort mehr schreiben, denn, wie Du richtig sagst, man weiß ja nicht, was aus ihnen wird, und eigentlich kann alles, was man da noch anfügt, es nicht besser machen. Bei Céleste drängt es mich schon, noch mehr über sie zu erfahren (deswegen kommt sie auch in zwei Kurzgeschichten noch vor, allerdings nur als Nebenperson. Vielleicht kehre ich irgendwann noch mal zu ihr zurück).

Was mir allerdings noch unklar ist, ist ob Blanche dieses Eingreifen der Société vorausgeahnt hat, also genau dieses. Konnte sie ahnen/ wissen, dass eine Zeitschleife entstehen wird? Oder hat sie nur geahnt, dass ihr gottgleicher Schöpfungsakt Unmut in irgendeiner Form heraufbeschwören wird? Und damit komme ich auch zurück auf meine Frage, ob der Teufel allein die Société darstellt, oder ob sie vielleicht aus ihm und Gott gemeinsam besteht und letzterer sich nur vornehm zurück hält. Er müsste sich doch viel mehr auf die Füße getreten fühlen, da Blanche sich seine Fähigkeiten zu eigen macht, im Gegensatz zum Teufel, der "nur" eifersüchtig hinnehmen muss, dass sie etwas kann, was er nicht kann. Oder vertritt der Schöpfer den Standpunkt, dass der übereifrige Widersacher es schon regeln wird?

Das hier sind die beiden "großen Fragen", richtig?

Zu 1): Dass eine Zeitschleife entstehen und alles genau so kommen würde, wie es kam, hat Blanche meines Erachtens nicht gewusst. Sie hat gewusst, dass sie einen Zauber wirkt, der im Idealfall so funktioniert:
- sie reicht Ravi den verzauberten Apfel und er isst
- sie fällt für eine Nacht in Schlaf (vielleicht - ich glaube, ich hab das nie so formuliert, mir aber so vorgestellt - um ihm einen letzten kleinen Teil ihrer Lebensenergie abzugeben)
- Ravi weckt sie am nächsten Tag mit einem Kuss, und die Wandlung ist vollzogen, das Band zwischen ihnen gelöst.
Es war also unvermeidlich, dass sie eine gewisse Anzahl Stunden völlig hilflos und nicht ganz auf dieser Welt sein würde, und es war damit zu rechnen, dass das Direktorat in dieser Zeitspanne herauszufinden probiert, was sie gemacht hat und wie. Sie wusste, dass es für Ravi schwierig, und für sie beide sehr gefährlich werden würde. Aber was für eine Waffe das Direktorat letztlich gegen sie auffahren würde; nein, ich glaube, wenn sie das gewusst hätte, hätte sie Ravi eine etwas konkretere Hilfestellung gegeben.

Zu 2) Es war frech genug, den Teufel (oder eine Variante von ihm?) in die Geschichte einzubauen. Von Gott wollte ich dann doch lieber die Finger lassen. Ist fast eine Konvention (wenn man an "Angel Heart", "Die Hexen von Eastwick" oder "Im Auftrag des Teufels denkt". Der einzige Film, der mir spontant einfällt, in dem beide auftreten, ist "Time Bandits" :-)) Aber du hast natürlich recht, wenn ich A sage, muss ich auch B sagen. Teufel ohne Gott ist Quatsch. Ich würde mich dann aber auf die alte Art herausreden wollen, dass Gott den Menschen ihren freien Willen gegeben hat und sich nicht einmischt; ob jetzt der eine oder andere Homunkulus, freier Geist oder was auch immer herumläuft, macht dann auch keinen großen Unterschied mehr für ihn; Barneby et al scheinen ja auch schon das Geheimnis der Unsterblichkeit geknackt zu haben.

Von Hemigway-Experten habe ich bisher wenig Feedback bekommen; ich bin aber zuversichtlich, dass ich Hemingway zumindest an diesem einen Tag seines Lebens relativ glaubhaft abgebildet habe ;-) Was immer er auch in Wahrheit an diesem ersten Sonntag Abend seiner Trennung gemacht hat.

Ich hoffe, ich habe alle Deine Fragen beantwortet, wenn nicht, schubs mich nochmal!

Offline Breña

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Schön, dass wir Céleste noch mal begegnen können - jetzt hast Du mich richtig neugierig gemacht!

Ich hoffe, ich habe alle Deine Fragen beantwortet, wenn nicht, schubs mich nochmal!

Hast Du, danke!
Auch meine beharrliche Frage nach dem göttlichen Eingreifen. ;) Übrigens ist es interessant, dass Du Filme statt Bücher aufzählst ("Time Bandits" sollte ich mir mal anschauen - mir fällt darüber hinaus "Dogma" ein).

Ich werde die Geschichte jetzt angemessen nachwirken lassen - draußen im Park, mit einem Eis. Vielleicht treffe ich das ältere Ehepaar nochmal... ;)
"It is not true that we have only one life to live; if we can read, we can live as many more lives and as many kinds of lives as we wish."  S.I. Hayakawa

Offline Oliver Plaschka

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Stimmt, Dogma. Cooler Auftritt!

Ich weiß nicht, ich denke wirklich mehr in Filmen. Gleichzeitig hat man da eine größere Chance, dass der Gesprächspartner sie auch kennt.

Ein kurzer Auftritt Célestes unbestimmte Zeit nach den "Magiern" findet sich in "Drachenschwingen": http://gazette.rainlights.net/index.php?/pages/grotesken.html Dazu gibt's auch grade ein Gewinnspiel beim Verlag: http://www.verlag-torsten-low.de/
Einen etwas größeren Auftritt, um die Jahrhundertwende, hat sie in "Sherlock Holmes und der verwunschene Schädel": http://www.alisha-bionda.net/anthologien/der_verwunschene_schaedel.php (Das ist der Vorfall in Haiti, den Barneby auf S. 98 kurz erwähnt. Erhältlich nächstes Frühjahr).

Offline Murkxsi

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Also für mich war dieses Ende einfach perfekt! Denn ich liebe Happy Ends und bei diesem Buch hätte ich mir auch kein anderes Ende vorstellen können / wollen. Wie schon vorher erwähnt, tut mir nur Celeste sehr leid. Dieser Charakter ist auch derjenige, der für mich die meisten Fragen aufwirft - auch jetzt noch - dadurch aber auch immer noch eine gewisse Faszination erhält.

Die einzelnen Paare und vor allem ihr Verhältnis zueinander gefallen mir sehr gut, natürlich besonders Choloderic und Orlando  ;D In dieser Szene habe ich mich regelrecht geaalt. Aber auch das geänderte Verhältnis zwischen Alphonse und Esmee fand ich ausgesprochen gelungen und hat mich sehr berührt.

Mit der letzten Szene von Justine hatte ich zuerst Schwierigkeiten und konnte sie nicht richtig einordnen. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass dies der "ursprüngliche" Sonntag sei n könnte (da stand ich wohl auf der Leitung). Aber umso besser finde ich diese Szene jetzt, wo ich weiß, was sie aussagt.

Ingesamt wirklich ein gelungenes Werk. Hat sehr viel Spaß gemacht, diese Geschichte zu lesen (auch wenn ich diesmal wirklich schildkrötenmäßig daherkam).

LG Murkxsi

Offline Oliver Plaschka

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Hallo Murkxsi,

schön, dass Dir das Ende gefallen hat! Ja, das Ende mit Orlando & Chloderic war einfach nötig; wir hatten im Lektorat ein wenig darüber diskutiert, ob weniger vielleicht mehr wäre, aber ich dachte mir, in diesem Kapitel ist mehr ... einfach mehr  ;)

Und keine Ursache -- ich stelle es mir sehr schwierig vor, eine Leserunde richtig zu "timen", denn natürlich haben Leser verschiedene Geschwindigkeiten, und manchmal gibt es einfach wichtigeres, als einen neuen Post zu schreiben, und man will sich ja auch nicht unter Druck setzen.

Viele Grüße!
Oliver