Leserundenarchiv > Elmar Bereuter – Die Schwabenkinder
Leserundenfazit, Rezensionen etc. (ohne Spoiler)
Aldawen:
Hier ist Platz für die Rezensionen und Meinungen (zur Leserunde allgemein), die Ihr vielleicht nach der Leserunde schreiben wollt. Es wäre schön, wenn sich hier möglichst viele beteiligen – zumindest ein Fazit zur Leserunde (auch eines vom Autor) ist immer interessant.
Aldawen:
So langsam wird es doch mal Zeit fürs Fazit :)
Zum Buch: In historischen Romanen mit Elendssituationen konfrontiert zu werden, ist ja nicht so ungewöhnlich. Zwischen Faszination und Erschrecken landen wahrscheinlich die meisten, wenn die Handlung dann aber nicht irgendwo im weit entfernten Mittelalter angesiedelt ist, sondern im späten 19. Jahrhundert, mit Ausläufern bis ins 20. Aus der Gesamtheit der Lebensbedingungen, und vor allem jenen der Schwabengänger, ergibt sich hier ein Bild, das man für unsere Breiten schon längst aus dem Gedächtnis verdrängt hat. Umso interessanter fand ich es, mit diesem, mir bislang unbekannten, Aspekt neuerer Geschichte konfrontiert zu werden.
Elmar Bereuter schafft es sehr gut, die Atmosphäre zu vermitteln, wozu auch Besonderheiten aus dem Dialekt erheblich beitragen. Das meiste ergibt sich auch für „Nordlichter“ aus dem Kontext, aber für vieles hätte ich mir doch ein Glossar zum schnellen Nachsehen gewünscht. Das ist aber auch schon der größte Mangel, den man dem Buch vorwerfen kann. Die Geschichte um Kaspanaze selbst war glaubhaft und wirkte auf mich an keiner Stelle übertrieben. Lediglich ein Seitenstrang um eine Liebesgeschichte Peter Whiteheads hätte in dem Umfang für mich nicht sein müssen. Sie erlaubt Peter zwar u. a., seine Ansichten über Sklaverei zu erläutern, aber das hätte man bestimmt auch anders unterbringen können. Auch das schmälert den insgesamt guten Eindruck des Romans aber nur wenig.
Zur Leserunde: Wie immer hat es Spaß gemacht, mit Euch gemeinsam einen solchen Roman auf mich wirken zu lassen. Gerade die Unterschiede in der Wahrnehmung der ein oder anderen Situation regen immer wieder dazu an, auch den eigenen Blickwinkel zu überprüfen, wodurch die Geschichte für mich sehr gewonnen hat. Ein besonderes Dankeschön an dieser Stelle auch an Elmar für die Begleitung unserer Runde und die aufschlußreichen zusätzlichen Informationen. Mindestens Felders Traum steht jetzt definitiv auf meiner Muß-ich-noch-lesen-Liste.
Schönen Gruß,
Aldawen
Elmar:
--- Zitat von: Aldawen am 02. Februar 2010, 17:36:44 ---So langsam wird es doch mal Zeit fürs Fazit :)
Zum Buch: In historischen Romanen mit Elendssituationen konfrontiert zu werden, ist ja nicht so ungewöhnlich. Zwischen Faszination und Erschrecken landen wahrscheinlich die meisten, wenn die Handlung dann aber nicht irgendwo im weit entfernten Mittelalter angesiedelt ist, sondern im späten 19. Jahrhundert, mit Ausläufern bis ins 20. Aus der Gesamtheit der Lebensbedingungen, und vor allem jenen der Schwabengänger, ergibt sich hier ein Bild, das man für unsere Breiten schon längst aus dem Gedächtnis verdrängt hat. Umso interessanter fand ich es, mit diesem, mir bislang unbekannten, Aspekt neuerer Geschichte konfrontiert zu werden.
Elmar Bereuter schafft es sehr gut, die Atmosphäre zu vermitteln, wozu auch Besonderheiten aus dem Dialekt erheblich beitragen. Das meiste ergibt sich auch für „Nordlichter“ aus dem Kontext, aber für vieles hätte ich mir doch ein Glossar zum schnellen Nachsehen gewünscht. Das ist aber auch schon der größte Mangel, den man dem Buch vorwerfen kann. Die Geschichte um Kaspanaze selbst war glaubhaft und wirkte auf mich an keiner Stelle übertrieben. Lediglich ein Seitenstrang um eine Liebesgeschichte Peter Whiteheads hätte in dem Umfang für mich nicht sein müssen. Sie erlaubt Peter zwar u. a., seine Ansichten über Sklaverei zu erläutern, aber das hätte man bestimmt auch anders unterbringen können. Auch das schmälert den insgesamt guten Eindruck des Romans aber nur wenig.
Zur Leserunde: Wie immer hat es Spaß gemacht, mit Euch gemeinsam einen solchen Roman auf mich wirken zu lassen. Gerade die Unterschiede in der Wahrnehmung der ein oder anderen Situation regen immer wieder dazu an, auch den eigenen Blickwinkel zu überprüfen, wodurch die Geschichte für mich sehr gewonnen hat. Ein besonderes Dankeschön an dieser Stelle auch an Elmar für die Begleitung unserer Runde und die aufschlußreichen zusätzlichen Informationen. Mindestens Felders Traum steht jetzt definitiv auf meiner Muß-ich-noch-lesen-Liste.
Schönen Gruß,
Aldawen
--- Ende Zitat ---
Danke an Euch alle - auch mir hat es Spaß gemacht, auch wenn ich mir bei manchen Kommentaren manchmal eine (voreilige) Antwort verkneifen musste. javascript:void(0);
Zum versprochenen Nachtrag:
Eigentlich ist kaum eine der Figuren erfunden, sondern sie haben fast alle reale Vorbilder. Das Ehepaar "Gebstetter" wohnt in meiner Gemeinde hier im Schwäbischen und geht auch so miteinander um. Während er kaum einen Satz ohne eingebauten Fluch zu Ende bringt, ist ihr Mundwerk ebenfalls waffenscheinpflichtig und gelegentlich kann es vorkommen, dass sie auch bei schlechtem Wetter eine Sonnenbrille trägt. Auch die geschilderten Erlebnisse Kaspanazes stammen größtenteils von ehemaligen Schwabenkindern, so auch Kaspanazes Flucht, die real schlimmer endete: Franz Kohler aus Dalaas kam in Wirklichkeit zwar auf einen Hof, auf dem der weitaus ältere und bettnässende rätoromanische Bub nach Hause geschickt worden war, aber die Bauersleute waren noch ärger als die vorhergehenden. Was Whithead angeht, ist der historische Hintergrund ungeklärt und es wird nun im Rahmen eines EU-Projekts versucht, diesen zu erhellen. Fest steht, dass der Schreiber der Artikel von 1908 in der amerikanischen Zeitung jemand gewesen sein musste, der mit den Verhältnissen in Oberschwaben sehr genau vertraut war und vermutlich auch von hier abstammte. Eine Liebesgeschichte musste da rein, da ich den guten Mann nicht einsam in Oberschwaben herum torkeln lassen konnte.
Mit Roman und Film ist aber die Geschichte der Schwabenkinder noch nicht zu Ende:
In einem länderübergreifenden Projekt zwischen D, A, CH und I sollen die alten Wege der Kinder, die sich grundlegend von den heutigen Straßenverläufen unterscheiden, wieder reaktiviert und wieder wanderbar gemacht werden. Entlang der Wege werden Museen und andere Institutionen mit festen Ausstellungen und Installationen einen ortsnahen Beitrag zur Geschichte bereitstellen. Die verschiedenen Routen treffen auf dem ehemaligen Marktplatz in Ravensburg zusammen und führen von dort weiter über Weingarten (Basilika und Blutritt) nach Wolfegg, wo im dortigen Bauernhofmuseum derzeit zwei historische Höfe aufgebaut werden, die dann wie zur Zeit der Schwabenkinder originalgetreu bewirtschaftet werden. Momentan bin ich dabei, die alten Wege wieder als Schwabenkinderrouten wieder aneinander zu reihen und die damaligen Lebenswerhältnisse in den einzelnen Dörfern skizzenhaft anzureißen. Das Ergebnis sollen verschiedene Gebietsführer sein, die ersten sollen im Frühjahr 2011 voraussichtlich im renommierten Rother-Verlag erscheinen. Die offizielle Eröffnung bzw. Freigabe des Projekts soll 2012 erfolgen. Wer also Lust verspürt, kann ab dem nächsten Jahr die Wanderschuhe schnüren und sich bereits auf die Spuren der Schwabenkinder machen.
Für die musikalisch Interessierten unter Euch:
Kaum bekannt ist, dass es auch eine Schwabenkinder-Messe gibt. Es handelt sich dabei um die teilweise Umarbeitung der Filmmusik. Wunderschön!!
Hier ein Link zum Reinhören:
http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Enjott-Schneider-Schwabenkinder-Messe/hnum/9109225
Liebe Aldawen, es freut mich, dass Felder's Traum auf Deiner Liste steht. Wenn wir Felders und unsere heutige Zeit vergleichen, werden uns die Parallelen geradezu ins Auge springen. Felders Antworten und Taten sind zeitlos, leben bis heute nicht nur als verquastes Theoriegebäude, sondern als gelebte Praxis weiter und haben allgemeine Gültigkeit, die auch noch Generationen überdauern wird. Es gibt zwar nach Franz Michael Felder benannte Straßen, einen Felder-Verein, ein Felder-Archiv, ein Felder-Museum und jede Menge Fach-Literatur und seine angefangene Autobiografie, die jedoch bei seiner Hochzeit endet. Ich - selbst ein Bauernbub aus seiner Talschaft - habe nun erstmals das kaum fassbare kurze Leben dieses kleinen Bäuerleins und seiner kongenialen Frau Nanni vom Anfang bis zum Ende erzählt. Ich wünsche dir beim Lesen viel Freude.
So, nun bedanke ich mich nochmals bei Euch allen und hoffe, dass die Schwabenkinder noch lange in Erinnerung bleiben.
Euer
Elmar
nerolaan:
So, da ich heute meine letzte Klausur hatte und das Buch ja jetzt richtig Zeit zum sacken hatte, kommt hier auch noch mein Fazit.
Im Großen und Ganzen kann ich mich Aldawen anschließen: ich habe das Buch sehr genossen!
Sicher, an vielen Stellen war es schon hart vom Schicksal der Kinder zu lesen und oft konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieser Teil der Geschichte noch nicht so lange her sein soll. Aber ich bin froh, auf diese Geschichte gestoßen worden zu sein und auch für deren Umsetzung: ich konnte mit Kaspanze bangen und mitfühlen, aber dennoch war der Schreib- und Erzählstil doch so "neutral", dass es eben nicht vor Elend triefte (wenn ihr versteht, was ich meine :-[)
Ebenfalls hat mir die Verwendung von Dialekten gefallen und da bin ich sehr froh, dass diese nicht "weg lektoriert" worden :)
Tja, ich weiß gar nicht so recht, was ich sonst noch sagen kann :-[
Außer, dass ich wirklich begeistert von dem Buch bin, es schon einer Freundin zum Geburtstag geschenkt habe und mir heute als Belohnung "Felder's Traum" gegönnt habe. Sagt ja auch schon einiges ;)
Die Leserundee selbst hat mir wieder viel Spaß gemacht und ich möchte mich an der Stelle noch mal ganz herzlich bei Elmar für die Begleitung bedanken!
Ich hatte viel Spaß eure Beiträge zu lesen und zu erleben, wie ihr reagiert.
Ich hoffe, man liest sich bald wieder :)
Papyrus:
Mir haben Buch und Leserunde sehr gut gefallen, auch wenn ich mich berufsbedingt leider nicht so viel und schnell melden konnte wie ich es gerne gewollt hätte.
Ein großes Lob an Elmar, ich wollte zuerst gar nicht glauben, dass dies Dein erster Roman sein sollte.
Die Geschichte war lebendig, gut erzählt und nicht überpudert, wie viele andere Bücher, die unter der Überschrift "historischer Roman" laufen.
Der Roman war für mich eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art.
Meine Lust auf weitere Bücher von Dir, Elmar, ist auf jeden Fall geweckt.
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