Leserundenarchiv > Elmar Bereuter – Die Schwabenkinder
1 – Kapitel 1 bis 6
Aldawen:
Hallo Ihr Lieben,
nun starten wir endlich in unsere Leserunde zu Die Schwabenkinder und ich begrüße alle TeilnehmerInnen und ganz besonders Elmar Bereuter, der uns begleiten wird. Schön, daß Du Dich zu dieser Runde bereit erklärt hast! :)
Bitte lest Euch kurz vorher nochmal die Leserunden FAQs durch. Postet hier bitte erst, wenn Ihr angefangen habt und etwas zu dem Buch zu sagen oder fragen habt. Die Beiträge „Buch liegt bereit, ich fange heute abend an“ ziehen das Ganze zu sehr in die Länge und passen besser in den Buchvorschlag.
Hier könnt Ihr vom Anfang bis einschließlich Kapitel 6 schreiben.
Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.
Ich wünsche uns allen wieder viel Spaß! :lesen:
Schönen Gruß,
Aldawen
Aldawen:
Hallo allerseits!
Diesen ersten Abschnitt habe ich gelesen und weiß nicht, ob ich mehr entsetzt oder fasziniert sein soll. Sicher sind wir alle froh, nicht mehr unter solchen Bedingungen leben zu müssen, wobei man sich schon klarmachen muß, daß diese Zeiten in Europa noch nicht lange zurückliegen und in vielen Teilen der Welt noch immer Realität sind. Aber ich bin doch immer ganz froh, wenn mir diese Perspektive mal wieder so richtig ins Bewußtsein gerufen wird.
Für Kaspanaze ist die Aussicht, Schwabengänger zu werden, zunächst mal ein Abenteuer und außerdem bekommt er das Gefühl, etwas wichtiges für die Familie zu leisten. Daß dies einen knapp 9jährigen beeindruckt, kann ich mir gut vorstellen. Für die Schulbildung wird es natürlich völlig kontraproduktiv, und je nachdem, an was für einen Bauern er gerät, möglicherweise auch nicht gerade gesund. Dabei muß es, obwohl das wahrscheinlich auch nicht ausgeschlossen ist, nicht einmal um offensichtliche Mißhandlung gehen, aber wenn das Kind körperlich überfordert wird, ist das seiner allgemeinen Entwicklung sicher nicht zuträglich. Ich bin gespannt, wie es Kaspanaze antreffen wird, fürchte aber, daß es keine Friede-Freude-Eierkuchen-Zeit wird, dann gäbe es bestimmt diesen Roman nicht. Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter. Ich hätte zwar nicht erwartet, daß sie sich dauerhaft gegen diese Überlegungen ihres Mannes wendet, aber daß sie so gar keinen Widerspruch leistet, fand ich schon erstaunlich. Ob das noch eine Folge des Schocks über das totgeborene Kalb und die verreckte Sau ist? Oder einfach Schicksalsergebenheit? Das ist immer das, was mir am meisten Gruseln bereitet, diese Fügung in eine „gottgegebene“ Ordnung, weil das meinem eigenen Denken so völlig fremd ist.
Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird, aber daran wird ja leider gerne mal gespart. Worunter ich mir allerdings noch nicht so recht etwas vorstellen kann, sind Pfister. Ich habe das nur im Sinne von Bäcker gefunden, aber backen werden die Jungen im Sommer wohl eher nicht ??? Und wie groß ist ein Bletz? Ich kann mir zwar Flächenmaße immer nur schwer vorstellen, aber hier habe ich so gar keinen Anhaltspunkt.
Schönen Gruß,
Aldawen
Saltanah:
Hallo allerseits!
--- Zitat von: Aldawen am 15. Januar 2010, 22:00:23 ---Diesen ersten Abschnitt habe ich gelesen und weiß nicht, ob ich mehr entsetzt oder fasziniert sein soll. Sicher sind wir alle froh, nicht mehr unter solchen Bedingungen leben zu müssen, wobei man sich schon klarmachen muß, daß diese Zeiten in Europa noch nicht lange zurückliegen und in vielen Teilen der Welt noch immer Realität sind. Aber ich bin doch immer ganz froh, wenn mir diese Perspektive mal wieder so richtig ins Bewußtsein gerufen wird.
--- Ende Zitat ---
Da sagst du was Wahres! Ich bin auch sehr gespannt auf meinen mehr oder weniger ersten deutsch(sprachig)en "Jammer und Elend-Roman", wie ich die Bücher nenne, die vom Elend der armen Landbevölkerung in unwirtlichen Gegenden handeln. Ich habe schon viele schwedische Romane in dem "Genre" gelesen, aber nichts oder kaum was aus deutschen Gefilden. Da ich aber Romane mit - bisher - ähnlicher Thematik schon öfter gelesen habe, hält sich mein Entsetzen in Grenzen und die Faszination überwiegt. Außerdem bin ich fleißig dabei, Parallelen und Abweichungen zwischen mittel- und nordeuropäischen Verhältnissen zu suchen.
--- Zitat von: Aldawen am 15. Januar 2010, 22:00:23 ---Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird
--- Ende Zitat ---
Das ganze unbekannte Vokabular fasziniert mich, auch wenn ich nicht alles (eher sehr wenig) nachschlage – ich bin zu faul dazu, meine Lektüre immer wieder zu unterbrechen. Dass das Glossar fehlt, bedaure ich aber auch sehr; solche zu lesen, finde ich immer hoch interessant, und gerade in diesem Buch gibt es reichlich Material.
Aber nicht nur die unbekannten Worte, auch die manchmal abweichende Grammatik finde ich hochinteressant. Dass die Kühe nicht „die“, sondern „der“ Bless/Fleck sind, hat mich ziemlich umgehauen. Ich gehe mal davon aus, dass das den damaligen (und vielleicht auch noch heutigen) Sprachgewohnheiten im Bregenzerwald entspricht. So was denkt man sich nicht aus, und da Elmar Bereuter laut Info im Buch aus einer Bauernfamilie in der Gegend stammt, weiß er das sicher aus erster Hand. Daher bin ich geneigt, ihm vieles auch ohne weitere Kontrolle zu glauben.
Dabei gleich mal eine Frage an Elmar: Hast du Vorfahren, die selbst Schwabengänger waren? Gibt es in deiner Familie vielleicht Erzählungen über die Erlebnisse solcher Kinder? Oder was hat dich sonst zu diesem Thema gebracht?
Apropos Kühe – etwas gewundert hat mich ein Satz im 3. Kap. (S. 33). Dort heißt es im Zusammenhang mit der Kuh, die ihr Kalb tot zur Welt brachte:
Nun fiel der Fleck nicht nur zum zweiten Mal für die Nachzucht, sondern dazu wieder eine Zeit lang auch als Milchkuh aus.
Wieso eigentlich? Das Kalb ist doch (zumindest wird nichts anderes erwähnt) zeitgerecht zur Welt gekommen, so dass die Kuh nun auf neue Milchproduktion eingestellt ist. Ob nun ein Kalb gesäugt, oder per Hand gemolken wird, dürfte doch keinen Unterschied machen. Milchkühen werden doch sowieso ihre Kälber kurz nach der Geburt weggenommen, so dass ihre gesamte Milch den Menschen zugute kommt. Oder habe ich irgendwo einen Denkfehler drin?
Eine weitere Sache, über die ich mich wundere, steht im Zusammenhang mit der notgeschlachteten Sau. (Welch ein Schicksalsschlag übrigens – dass die Familie nun in ihrer Existenz akut bedroht ist, macht noch deutlicher, mit wie geringen Marginalen sie bisher überlebt hat.)
Das Vieh wird zerteilt entsprechend der Schulden, die die Familie bei diversen Leuten hat:
Ein Schlegel mitsamt der Haxe für den Heugeschirrmacher… (S. 57)
Nun heißt es aber im auf S. 36, dass die zwei Schweine, die die Mesers jeweils großziehen, im Spätherbst geschlachtet werden. Das eine bekommen die Geschwister, das andere ist eigentlich zum Eigenverbrauch bestimmt, aber zum größten Teil an Schuldner versprochen. Aber diese Bezahlung müsste doch schon geschehen sein. Mittlerweile befinden wir uns doch im (Spät-?)Winter und die beiden Tiere müssen also schon vor einiger Zeit geschlachtet und die Schulden bezahlt worden sein. Denn zumindest über die Schuld an den Heugeschirrmacher wird gesagt, dass ihm das Fleisch „im Sommer schon“ versprochen worden war. Da passt es meiner Meinung nach nicht ganz, dass die Mesers ihn erst jetzt bei der unplanmäßigen Schlacht bezahlen.
--- Zitat von: Aldawen am 15. Januar 2010, 22:00:23 ---Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter.
--- Ende Zitat ---
Ich nehme an, dass sie sich ähnliche Gedanken gemacht hat wie ihr Mann und zu dem gleichen Ergebnis gekommen ist. Ihr kommt die Entscheidung des Vaters sicher nicht so überraschend, wie der es vermutet hat. Hinzu kommt, denke ich, noch der Schockzustand, in dem sich die Familie befindet. Irgendwann kann man auch bei weiteren Schicksalsschlägen keine weiteren Emotionen mehr aufbringen. Die Erwachsenen sind nicht nur wirtschaftlich sondern auch psychisch am Ende.
yanni:
Hallo zusammen!
Als ich die Ankündigung für diese Leserunde entdeckte, war für mich sofort klar, dass ich dieses Buch lesen möchte. Ich habe vor Jahren die Verfilmung gesehen und war von diesem Thema wie gefesselt. Dass es so etwas bis noch vor gar nicht so langer Zeit gegeben hat, hat mich völlig unerwartet getroffen. Daher bin ich sehr neugierig auf Die Schwabenkinder.
Der Einstieg fiel mir gar nicht schwer. Schon nach ein paar Sätzen hatte ich den Eindruck neben Kaspanaze herzukeuchen.
Die Kapitel 1 bis 6 sind eigentlich nur die Erklärung, warum die Eltern Kaspanaze in die Fremde schicken. Vieles von dem Gelesenen kannte ich bereits aus den Kindheitserzählungen meiner Eltern. Schule war damals in den 20er Jahren im Sommer noch genau so Nebensache, wie in dem Buch für Kaspanaze und die anderen Kinder. Meist waren es die jüngeren, die in den vorgesehen Schulgenuss kamen.
Die Schlitten, die ich aus den Beschreibungen meines Vaters kenne, der im Wald gearbeitet hat, so wie Kaspar beim Schneider, waren das übliche Transportmittel, aber eben auch sehr gefährlich. So mancher hat dabei sein Leben bzw seine körperliche Gesundheit eingebüßt. Der Abtransport der Stämme war daher, allein schon durch Schneiders überschäumendes Temperament, sehr spannungsgeladen. Waldarbeit ist Schwerstarbeit und dann nur ein Kanten hartes Brot und etwas dazu. Man kann sich heute gar nicht mehr wirklich vorstellen wie entbehrungsreich dieses Leben war.
Wie Aldawen schon schrieb, wäre es sehr hilfreich gewesen, wenn einige der nicht so geläufigen Wörter in einem Glossar zusammengefasst worden wären. Viele konnten wohl aus dem Zusammenhang oder auch den nachfolgenden Sätzen zugeordnet werden, aber es erschwert das Lesen doch um einiges, da man mit Nachschlagen, Internetsuche und Telefonjoker einige Zeit verbraucht. ;)
Unter Pfister stelle ich mir nun einen Hütejungen vor. Aber auf die richtige Antwort bin ich doch gespannt.
Was ich noch anfügen möchte, ist dass ich doch leicht erstaunt über das Vorwort war. Wie kam es dazu, dass diese fünf Herren zu diesem Thema Stellung nahmen?
--- Zitat von: Aldawen am 15. Januar 2010, 22:00:23 ---Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter. Ich hätte zwar nicht erwartet, daß sie sich dauerhaft gegen diese Überlegungen ihres Mannes wendet, aber daß sie so gar keinen Widerspruch leistet, fand ich schon erstaunlich. Ob das noch eine Folge des Schocks über das totgeborene Kalb und die verreckte Sau ist? Oder einfach Schicksalsergebenheit? Das ist immer das, was mir am meisten Gruseln bereitet, diese Fügung in eine „gottgegebene“ Ordnung, weil das meinem eigenen Denken so völlig fremd ist.
--- Ende Zitat ---
Ich denke, für die Mutter kam dieser Vorschlag nicht aus heiterem Himmel. Sie machte sich ja große Sorgen um die Zukunft. Sie sind drei Erwachsene und drei Kinder, wobei Nummer vier nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen wird. Mit den beiden Kühen und der Schweineaufzucht sind sie grad so über die Runden gekommen. Sie weiß, dass es zu Veränderungen irgend einer Art kommen muss, um ihr Überleben zu sichern. Weil sich der Viehbestand radikal reduziert hat, liegt demnächst Arbeitskraft brach, die anderweitig eingesetzt werden muss. Und wie schon erwähnt sind die Pfisterplätze schon auf Jahre ausgebucht. Es lebe die Vetternwirtschaft?!
Sicher wird sie hoffen, Kaspanaze möge einen der guten Plätze bekommen, denn wie zu lesen war, berichten einige Kinder davon, dass sie sich sattessen konnten! Leicht fällt es dem Vater auch nicht.
Kaspars Vater scheint ein kluger und umsichtiger Mann zu sein. Hoffentlich fühlt der sich nicht nun auch noch überflüssig und macht Dummheiten. ???
So, nun wünsche ich uns noch viel Freude, eigentlich ein unpassender Ausdruck bei diesem Thema -aber ihr wisst, wie ich es meine, beim Weiterlesen und möchte mich bei Elmar Bereuter für seine Lesebegleitung bedanken, durch die wir bald die Grübelei hinter uns lassen können was denn nun ein Pfister ist. :)
Lieben Gruß
yanni
yanni:
--- Zitat von: Saltanah am 16. Januar 2010, 12:50:35 ---Das Vieh wird zerteilt entsprechend der Schulden, die die Familie bei diversen Leuten hat:
Ein Schlegel mitsamt der Haxe für den Heugeschirrmacher… (S. 57)
Nun heißt es aber im auf S. 36, dass die zwei Schweine, die die Mesers jeweils großziehen, im Spätherbst geschlachtet werden. Das eine bekommen die Geschwister, das andere ist eigentlich zum Eigenverbrauch bestimmt, aber zum größten Teil an Schuldner versprochen. Aber diese Bezahlung müsste doch schon geschehen sein. Mittlerweile befinden wir uns doch im (Spät-?)Winter und die beiden Tiere müssen also schon vor einiger Zeit geschlachtet und die Schulden bezahlt worden sein. Denn zumindest über die Schuld an den Heugeschirrmacher wird gesagt, dass ihm das Fleisch „im Sommer schon“ versprochen worden war. Da passt es meiner Meinung nach nicht ganz, dass die Mesers ihn erst jetzt bei der unplanmäßigen Schlacht bezahlen.
--- Ende Zitat ---
Das Schwein dieses Jahres hat sicher die Schulden des letzten Jahres beglichen. Somit müssen die Schulden, die dieses Jahr gemacht wurden mit dem Schwein des nächsten Herbstes beglichen werden. Da der zukünftige Wurf nun ausfällt, muss die Muttersau "einspringen". Und damit ist das Kapital dahin, von dessen Zinsen die Familie ihr Ausgaben bestritt.
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