Hallo allerseits!
Diesen ersten Abschnitt habe ich gelesen und weiß nicht, ob ich mehr entsetzt oder fasziniert sein soll. Sicher sind wir alle froh, nicht mehr unter solchen Bedingungen leben zu müssen, wobei man sich schon klarmachen muß, daß diese Zeiten in Europa noch nicht lange zurückliegen und in vielen Teilen der Welt noch immer Realität sind. Aber ich bin doch immer ganz froh, wenn mir diese Perspektive mal wieder so richtig ins Bewußtsein gerufen wird.
Da sagst du was Wahres! Ich bin auch sehr gespannt auf meinen mehr oder weniger ersten deutsch(sprachig)en "Jammer und Elend-Roman", wie ich die Bücher nenne, die vom Elend der armen Landbevölkerung in unwirtlichen Gegenden handeln. Ich habe schon viele schwedische Romane in dem "Genre" gelesen, aber nichts oder kaum was aus deutschen Gefilden. Da ich aber Romane mit - bisher - ähnlicher Thematik schon öfter gelesen habe, hält sich mein Entsetzen in Grenzen und die Faszination überwiegt. Außerdem bin ich fleißig dabei, Parallelen und Abweichungen zwischen mittel- und nordeuropäischen Verhältnissen zu suchen.
Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird
Das ganze unbekannte Vokabular fasziniert mich, auch wenn ich nicht alles (eher sehr wenig) nachschlage – ich bin zu faul dazu, meine Lektüre immer wieder zu unterbrechen. Dass das Glossar fehlt, bedaure ich aber auch sehr; solche zu lesen, finde ich immer hoch interessant, und gerade in diesem Buch gibt es reichlich Material.
Aber nicht nur die unbekannten Worte, auch die manchmal abweichende Grammatik finde ich hochinteressant. Dass die Kühe nicht „die“, sondern „der“ Bless/Fleck sind, hat mich ziemlich umgehauen. Ich gehe mal davon aus, dass das den damaligen (und vielleicht auch noch heutigen) Sprachgewohnheiten im Bregenzerwald entspricht. So was denkt man sich nicht aus, und da Elmar Bereuter laut Info im Buch aus einer Bauernfamilie in der Gegend stammt, weiß er das sicher aus erster Hand. Daher bin ich geneigt, ihm vieles auch ohne weitere Kontrolle zu glauben.
Dabei gleich mal eine Frage an Elmar: Hast du Vorfahren, die selbst Schwabengänger waren? Gibt es in deiner Familie vielleicht Erzählungen über die Erlebnisse solcher Kinder? Oder was hat dich sonst zu diesem Thema gebracht?
Apropos Kühe – etwas gewundert hat mich ein Satz im 3. Kap. (S. 33). Dort heißt es im Zusammenhang mit der Kuh, die ihr Kalb tot zur Welt brachte:
Nun fiel der Fleck nicht nur zum zweiten Mal für die Nachzucht, sondern dazu wieder eine Zeit lang auch als Milchkuh aus.Wieso eigentlich? Das Kalb ist doch (zumindest wird nichts anderes erwähnt) zeitgerecht zur Welt gekommen, so dass die Kuh nun auf neue Milchproduktion eingestellt ist. Ob nun ein Kalb gesäugt, oder per Hand gemolken wird, dürfte doch keinen Unterschied machen. Milchkühen werden doch sowieso ihre Kälber kurz nach der Geburt weggenommen, so dass ihre gesamte Milch den Menschen zugute kommt. Oder habe ich irgendwo einen Denkfehler drin?
Eine weitere Sache, über die ich mich wundere, steht im Zusammenhang mit der notgeschlachteten Sau. (Welch ein Schicksalsschlag übrigens – dass die Familie nun in ihrer Existenz akut bedroht ist, macht noch deutlicher, mit wie geringen Marginalen sie bisher überlebt hat.)
Das Vieh wird zerteilt entsprechend der Schulden, die die Familie bei diversen Leuten hat:
Ein Schlegel mitsamt der Haxe für den Heugeschirrmacher… (S. 57)
Nun heißt es aber im auf S. 36, dass die zwei Schweine, die die Mesers jeweils großziehen, im Spätherbst geschlachtet werden. Das eine bekommen die Geschwister, das andere ist eigentlich zum Eigenverbrauch bestimmt, aber zum größten Teil an Schuldner versprochen. Aber diese Bezahlung müsste doch schon geschehen sein. Mittlerweile befinden wir uns doch im (Spät-?)Winter und die beiden Tiere müssen also schon vor einiger Zeit geschlachtet und die Schulden bezahlt worden sein. Denn zumindest über die Schuld an den Heugeschirrmacher wird gesagt, dass ihm das Fleisch „im Sommer schon“ versprochen worden war. Da passt es meiner Meinung nach nicht ganz, dass die Mesers ihn erst jetzt bei der unplanmäßigen Schlacht bezahlen.
Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter.
Ich nehme an, dass sie sich ähnliche Gedanken gemacht hat wie ihr Mann und zu dem gleichen Ergebnis gekommen ist. Ihr kommt die Entscheidung des Vaters sicher nicht so überraschend, wie der es vermutet hat. Hinzu kommt, denke ich, noch der Schockzustand, in dem sich die Familie befindet. Irgendwann kann man auch bei weiteren Schicksalsschlägen keine weiteren Emotionen mehr aufbringen. Die Erwachsenen sind nicht nur wirtschaftlich sondern auch psychisch am Ende.