Autor Thema: 1 – Kapitel 1 bis 6  (Gelesen 1423 mal)

Aldawen

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1 – Kapitel 1 bis 6
« am: 14. Januar 2010, 21:35:22 »
Hallo Ihr Lieben,
 
nun starten wir endlich in unsere Leserunde zu Die Schwabenkinder und ich begrüße alle TeilnehmerInnen und ganz besonders Elmar Bereuter, der uns begleiten wird. Schön, daß Du Dich zu dieser Runde bereit erklärt hast!  :)
 
Bitte lest Euch kurz vorher nochmal die Leserunden FAQs durch. Postet hier bitte erst, wenn Ihr angefangen habt und etwas zu dem Buch zu sagen oder fragen habt. Die Beiträge „Buch liegt bereit, ich fange heute abend an“ ziehen das Ganze zu sehr in die Länge und passen besser in den Buchvorschlag.
 
Hier könnt Ihr vom Anfang bis einschließlich Kapitel 6 schreiben.
Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.
 
Ich wünsche uns allen wieder viel Spaß!  :lesen:
 
Schönen Gruß,
Aldawen


Aldawen

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #1 am: 15. Januar 2010, 22:00:23 »
Hallo allerseits!

Diesen ersten Abschnitt habe ich gelesen und weiß nicht, ob ich mehr entsetzt oder fasziniert sein soll. Sicher sind wir alle froh, nicht mehr unter solchen Bedingungen leben zu müssen, wobei man sich schon klarmachen muß, daß diese Zeiten in Europa noch nicht lange zurückliegen und in vielen Teilen der Welt noch immer Realität sind. Aber ich bin doch immer ganz froh, wenn mir diese Perspektive mal wieder so richtig ins Bewußtsein gerufen wird.

Für Kaspanaze ist die Aussicht, Schwabengänger zu werden, zunächst mal ein Abenteuer und außerdem bekommt er das Gefühl, etwas wichtiges für die Familie zu leisten. Daß dies einen knapp 9jährigen beeindruckt, kann ich mir gut vorstellen. Für die Schulbildung wird es natürlich völlig kontraproduktiv, und je nachdem, an was für einen Bauern er gerät, möglicherweise auch nicht gerade gesund. Dabei muß es, obwohl das wahrscheinlich auch nicht ausgeschlossen ist, nicht einmal um offensichtliche Mißhandlung gehen, aber wenn das Kind körperlich überfordert wird, ist das seiner allgemeinen Entwicklung sicher nicht zuträglich. Ich bin gespannt, wie es Kaspanaze antreffen wird, fürchte aber, daß es keine Friede-Freude-Eierkuchen-Zeit wird, dann gäbe es bestimmt diesen Roman nicht. Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter. Ich hätte zwar nicht erwartet, daß sie sich dauerhaft gegen diese Überlegungen ihres Mannes wendet, aber daß sie so gar keinen Widerspruch leistet, fand ich schon erstaunlich. Ob das noch eine Folge des Schocks über das totgeborene Kalb und die verreckte Sau ist? Oder einfach Schicksalsergebenheit? Das ist immer das, was mir am meisten Gruseln bereitet, diese Fügung in eine „gottgegebene“ Ordnung, weil das meinem eigenen Denken so völlig fremd ist.

Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird, aber daran wird ja leider gerne mal gespart. Worunter ich mir allerdings noch nicht so recht etwas vorstellen kann, sind Pfister. Ich habe das nur im Sinne von Bäcker gefunden, aber backen werden die Jungen im Sommer wohl eher nicht   ???   Und wie groß ist ein Bletz? Ich kann mir zwar Flächenmaße immer nur schwer vorstellen, aber hier habe ich so gar keinen Anhaltspunkt.

Schönen Gruß,
Aldawen

Offline Saltanah

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #2 am: 16. Januar 2010, 12:50:35 »
Hallo allerseits!

Diesen ersten Abschnitt habe ich gelesen und weiß nicht, ob ich mehr entsetzt oder fasziniert sein soll. Sicher sind wir alle froh, nicht mehr unter solchen Bedingungen leben zu müssen, wobei man sich schon klarmachen muß, daß diese Zeiten in Europa noch nicht lange zurückliegen und in vielen Teilen der Welt noch immer Realität sind. Aber ich bin doch immer ganz froh, wenn mir diese Perspektive mal wieder so richtig ins Bewußtsein gerufen wird.

Da sagst du was Wahres! Ich bin auch sehr gespannt auf meinen mehr oder weniger ersten deutsch(sprachig)en "Jammer und Elend-Roman", wie ich die Bücher nenne, die vom Elend der armen Landbevölkerung in unwirtlichen Gegenden handeln. Ich habe schon viele schwedische Romane in dem "Genre" gelesen, aber nichts oder kaum was aus deutschen Gefilden. Da ich aber Romane mit - bisher - ähnlicher Thematik schon öfter gelesen habe, hält sich mein Entsetzen in Grenzen und die Faszination überwiegt. Außerdem bin ich fleißig dabei, Parallelen und Abweichungen zwischen mittel- und nordeuropäischen Verhältnissen zu suchen.

Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird

Das ganze unbekannte Vokabular fasziniert mich, auch wenn ich nicht alles (eher sehr wenig) nachschlage – ich bin zu faul dazu, meine Lektüre immer wieder zu unterbrechen. Dass das Glossar fehlt, bedaure ich aber auch sehr; solche zu lesen, finde ich immer hoch interessant, und gerade in diesem Buch gibt es reichlich Material.
Aber nicht nur die unbekannten Worte, auch die manchmal abweichende Grammatik finde ich hochinteressant. Dass die Kühe nicht „die“, sondern „der“ Bless/Fleck sind, hat mich ziemlich umgehauen. Ich gehe mal davon aus, dass das den damaligen (und vielleicht auch noch heutigen) Sprachgewohnheiten im Bregenzerwald entspricht. So was denkt man sich nicht aus, und da Elmar Bereuter laut Info im Buch aus einer Bauernfamilie in der Gegend stammt, weiß er das sicher aus erster Hand. Daher bin ich geneigt, ihm vieles auch ohne weitere Kontrolle zu glauben.

Dabei gleich mal eine Frage an Elmar: Hast du Vorfahren, die selbst Schwabengänger waren? Gibt es in deiner Familie vielleicht Erzählungen über die Erlebnisse solcher Kinder? Oder was hat dich sonst zu diesem Thema gebracht?

Apropos Kühe – etwas gewundert hat mich ein Satz im 3. Kap. (S. 33). Dort heißt es im Zusammenhang mit der Kuh, die ihr Kalb tot zur Welt brachte:
Nun fiel der Fleck nicht nur zum zweiten Mal für die Nachzucht, sondern dazu wieder eine Zeit lang auch als Milchkuh aus.
Wieso eigentlich? Das Kalb ist doch (zumindest wird nichts anderes erwähnt) zeitgerecht zur Welt gekommen, so dass die Kuh nun auf neue Milchproduktion eingestellt ist. Ob nun ein Kalb gesäugt, oder per Hand gemolken wird, dürfte doch keinen Unterschied machen. Milchkühen werden doch sowieso ihre Kälber kurz nach der Geburt weggenommen, so dass ihre gesamte Milch den Menschen zugute kommt. Oder habe ich irgendwo einen Denkfehler drin?

Eine weitere Sache, über die ich mich wundere, steht im Zusammenhang mit der notgeschlachteten Sau. (Welch ein Schicksalsschlag übrigens – dass die Familie nun in ihrer Existenz akut bedroht ist, macht noch deutlicher, mit wie geringen Marginalen sie bisher überlebt hat.)
Das Vieh wird zerteilt entsprechend der Schulden, die die Familie bei diversen Leuten hat:
Ein Schlegel mitsamt der Haxe für den Heugeschirrmacher… (S. 57)
Nun heißt es aber im auf S. 36, dass die zwei Schweine, die die Mesers jeweils großziehen, im Spätherbst geschlachtet werden. Das eine bekommen die Geschwister, das andere ist eigentlich zum Eigenverbrauch bestimmt, aber zum größten Teil an Schuldner versprochen. Aber diese Bezahlung müsste doch schon geschehen sein. Mittlerweile befinden wir uns doch im (Spät-?)Winter und die beiden Tiere müssen also schon vor einiger Zeit geschlachtet und die Schulden bezahlt worden sein. Denn zumindest über die Schuld an den Heugeschirrmacher wird gesagt, dass ihm das Fleisch „im Sommer schon“ versprochen worden war. Da passt es meiner Meinung nach nicht ganz, dass die Mesers ihn erst jetzt bei der unplanmäßigen Schlacht bezahlen.

Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter.

Ich nehme an, dass sie sich ähnliche Gedanken gemacht hat wie ihr Mann und zu dem gleichen Ergebnis gekommen ist. Ihr kommt die Entscheidung des Vaters sicher nicht so überraschend, wie der es vermutet hat. Hinzu kommt, denke ich, noch der Schockzustand, in dem sich die Familie befindet. Irgendwann kann man auch bei weiteren Schicksalsschlägen keine weiteren Emotionen mehr aufbringen. Die Erwachsenen sind nicht nur wirtschaftlich sondern auch psychisch am Ende.

Offline yanni

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #3 am: 16. Januar 2010, 13:19:08 »
Hallo zusammen!

Als ich die Ankündigung für diese Leserunde entdeckte, war für mich sofort klar, dass ich dieses Buch lesen möchte. Ich habe vor Jahren die Verfilmung gesehen und war von diesem Thema wie gefesselt. Dass es so etwas bis noch vor gar nicht so langer Zeit gegeben hat, hat mich völlig unerwartet getroffen. Daher bin ich sehr neugierig auf Die Schwabenkinder.

Der Einstieg fiel mir gar nicht schwer. Schon nach ein paar Sätzen hatte ich den Eindruck neben Kaspanaze herzukeuchen.  
Die Kapitel 1 bis 6 sind eigentlich nur die Erklärung, warum die Eltern Kaspanaze in die Fremde schicken. Vieles von dem Gelesenen kannte ich bereits aus den Kindheitserzählungen meiner Eltern. Schule war damals in den 20er Jahren im Sommer noch genau so Nebensache, wie in dem Buch für Kaspanaze und die anderen Kinder. Meist waren es die jüngeren, die in den vorgesehen Schulgenuss kamen.
Die Schlitten, die ich aus den Beschreibungen meines Vaters kenne, der im Wald gearbeitet hat, so wie Kaspar beim Schneider, waren das übliche Transportmittel, aber eben auch sehr gefährlich. So mancher hat dabei sein Leben bzw seine körperliche Gesundheit eingebüßt. Der Abtransport der Stämme war daher, allein schon durch Schneiders überschäumendes Temperament, sehr spannungsgeladen. Waldarbeit ist Schwerstarbeit und dann nur ein Kanten hartes Brot und etwas dazu. Man kann sich heute gar nicht mehr wirklich vorstellen wie entbehrungsreich dieses Leben war.

Wie Aldawen schon schrieb, wäre es sehr hilfreich gewesen, wenn einige der nicht so geläufigen Wörter in einem Glossar zusammengefasst worden wären. Viele konnten wohl aus dem Zusammenhang oder auch den nachfolgenden Sätzen zugeordnet werden, aber es erschwert das Lesen doch um einiges, da man mit Nachschlagen, Internetsuche und Telefonjoker einige Zeit verbraucht.  ;)

Unter Pfister stelle ich mir nun einen Hütejungen vor. Aber auf die richtige Antwort bin ich doch gespannt.

Was ich noch anfügen möchte, ist dass ich doch leicht erstaunt über das Vorwort war. Wie kam es dazu, dass diese fünf Herren zu diesem Thema Stellung nahmen?

Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter. Ich hätte zwar nicht erwartet, daß sie sich dauerhaft gegen diese Überlegungen ihres Mannes wendet, aber daß sie so gar keinen Widerspruch leistet, fand ich schon erstaunlich. Ob das noch eine Folge des Schocks über das totgeborene Kalb und die verreckte Sau ist? Oder einfach Schicksalsergebenheit? Das ist immer das, was mir am meisten Gruseln bereitet, diese Fügung in eine „gottgegebene“ Ordnung, weil das meinem eigenen Denken so völlig fremd ist.

Ich denke, für die Mutter kam dieser Vorschlag nicht aus heiterem Himmel. Sie machte sich ja große Sorgen um die Zukunft. Sie sind drei Erwachsene und drei Kinder, wobei Nummer vier nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen wird. Mit den beiden Kühen und der Schweineaufzucht sind sie grad so über die Runden gekommen. Sie weiß, dass es zu Veränderungen irgend einer Art kommen muss, um ihr Überleben zu sichern. Weil sich der Viehbestand radikal reduziert hat, liegt demnächst Arbeitskraft brach, die anderweitig eingesetzt werden muss. Und wie schon erwähnt sind die Pfisterplätze schon auf Jahre ausgebucht. Es lebe die Vetternwirtschaft?!

Sicher wird sie hoffen, Kaspanaze möge einen der guten Plätze bekommen, denn wie zu lesen war, berichten einige Kinder davon, dass sie sich sattessen konnten! Leicht fällt es dem Vater auch nicht.
Kaspars Vater scheint ein kluger und umsichtiger Mann zu sein. Hoffentlich fühlt der sich nicht nun auch noch überflüssig und macht Dummheiten.  ???

So, nun wünsche ich uns noch viel Freude, eigentlich ein unpassender Ausdruck bei diesem Thema -aber ihr wisst, wie ich es meine, beim Weiterlesen und möchte mich bei Elmar Bereuter für seine Lesebegleitung bedanken, durch die wir bald die Grübelei hinter uns lassen können was denn nun ein Pfister ist.  :)

Lieben Gruß
yanni

Offline yanni

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #4 am: 16. Januar 2010, 13:27:39 »
Das Vieh wird zerteilt entsprechend der Schulden, die die Familie bei diversen Leuten hat:
Ein Schlegel mitsamt der Haxe für den Heugeschirrmacher… (S. 57)
Nun heißt es aber im auf S. 36, dass die zwei Schweine, die die Mesers jeweils großziehen, im Spätherbst geschlachtet werden. Das eine bekommen die Geschwister, das andere ist eigentlich zum Eigenverbrauch bestimmt, aber zum größten Teil an Schuldner versprochen. Aber diese Bezahlung müsste doch schon geschehen sein. Mittlerweile befinden wir uns doch im (Spät-?)Winter und die beiden Tiere müssen also schon vor einiger Zeit geschlachtet und die Schulden bezahlt worden sein. Denn zumindest über die Schuld an den Heugeschirrmacher wird gesagt, dass ihm das Fleisch „im Sommer schon“ versprochen worden war. Da passt es meiner Meinung nach nicht ganz, dass die Mesers ihn erst jetzt bei der unplanmäßigen Schlacht bezahlen.

Das Schwein dieses Jahres hat sicher die Schulden des letzten Jahres beglichen. Somit müssen die Schulden, die dieses Jahr gemacht wurden mit dem Schwein des nächsten Herbstes beglichen werden. Da der zukünftige Wurf nun ausfällt, muss die Muttersau "einspringen". Und damit ist das Kapital dahin, von dessen Zinsen die Familie ihr Ausgaben bestritt.

Offline nerolaan

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #5 am: 16. Januar 2010, 17:33:32 »
Hallo zusammen!

Ich habe jetzt auch den ersten Teil gelesen und werde wie immer erst mal meine Gedanken aufschreiben und dann eure Beiträge lesen  :)

Als ich die Ankündigung zu der LR las, war ich damals irgendwie automatisch der Annahme erlegen, dass das Buch vielleicht so im 15. oder 16. Jahrhundert spielen 'müsse'. Daher hat es mich ja fast von den Socken gehauen, als in der Kurzbeschreibung las "Mitt des 19.Jahrhunderts"....Irgendwie komisch, aber "solche" Geschichten verorte ich oft trotz besserem Wissens gerne ins Mittelalter.

Was ich aber direkt anmerken möchte ist, dass ich es mehr als Schade finde, dass man kein Glossar beigefügt hat. Ich hab jetzt ein wenig googeln müssen, denn ich muss ja immer wissen, was es mit so Dingern wie den Venedigermännle oder dem Tüchelbohrern auf sich hat...  ::) Ich bin mal gespannt, denn wenn davon noch mehr auftaucht, werd ich wohl mehr googeln wie lesen   :-[ ;) (ich neig dabei nämlich immer noch irgendwelche anderen Querverweisen zu folgen...)

Der Handlung selbst folge ich bin jetzt mit großem Interesse.
Vor allem hab ich mit großem Interesse immer wieder den Ausführungen Beachtung geschenkt, die sich mit der Aufzucht der Kälber bzw. Schweine befasst. Was alles von den Tieren für die Familie abhing ist ja wirklich der absolute Wahnsinn.
Das Kaspar dann keine andere Wahl mehr sieht, wie Kaspanze weg zu schicken, kann ich nachvollziehen. Zumal ich denke, dass er ein Vater ist, der sich diese Entscheidung alles andere als leicht macht und wenn er könnte, alle seine Kinder bei sich behalten wird.
Kaspanze reagiert auf diese Nachricht für sein Alter ganz normal; er ist sich möglicher Konsequenzen wohl noch nicht so bewusst. Naja, wir werden ja sehen.

Die ersten 70 Seiten haben mich aber jetzt schon sehr für sich eingenommen.  :) Das Buch verspricht eine richtig interessante Lektüre zu werden.


Offline nerolaan

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #6 am: 16. Januar 2010, 17:46:24 »
Hallo zusammen,

Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter. Ich hätte zwar nicht erwartet, daß sie sich dauerhaft gegen diese Überlegungen ihres Mannes wendet, aber daß sie so gar keinen Widerspruch leistet, fand ich schon erstaunlich.

Ja, das hat mich auch überrascht. Andererseits denke ich, dass sie eben auch nur zu gut weiß (auch schon zu dem Zeitpunkt), dass der Familie wohl keine andere Wahl bleiben wird.

Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird, aber daran wird ja leider gerne mal gespart.

Oh, da geht es dir ja genauso wie mir  :)

Apropos Kühe – etwas gewundert hat mich ein Satz im 3. Kap. (S. 33). Dort heißt es im Zusammenhang mit der Kuh, die ihr Kalb tot zur Welt brachte:
Nun fiel der Fleck nicht nur zum zweiten Mal für die Nachzucht, sondern dazu wieder eine Zeit lang auch als Milchkuh aus.
Wieso eigentlich? Das Kalb ist doch (zumindest wird nichts anderes erwähnt) zeitgerecht zur Welt gekommen, so dass die Kuh nun auf neue Milchproduktion eingestellt ist. Ob nun ein Kalb gesäugt, oder per Hand gemolken wird, dürfte doch keinen Unterschied machen. Milchkühen werden doch sowieso ihre Kälber kurz nach der Geburt weggenommen, so dass ihre gesamte Milch den Menschen zugute kommt. Oder habe ich irgendwo einen Denkfehler drin?

Ich weiß jetzt nicht, ob ich genau verstehe was du meinst, aber ich denke, dass die Kuh durch ihre Schwangerschaft evt. die Milchzusammensetzung ändert, weil sie sich draufeinstellt, ihr Kalb zu säugen. Und das diese Milch vielleicht für den Menschen nicht "genießbar" ist und bis sich die Kuh wieder umgestellt hat, vergeht wohl auch wieder eine Zeit.
Also, so hab ich mir das erklärt, weil ich kurzfristig ebenso ein Problem damit hatte wie du, Saltanah.. Ob das jetzt auch so stimmt, ist aber wieder was anderes  :-[

Offline Murkxsi

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #7 am: 16. Januar 2010, 18:50:53 »
Hallo alle zusamen und auch ein Hallo an den Autor Elmar Bereuter!

Als ich mich zu dieser Leserunde angemeldet hatte, war mir zwar bewusst, dass es ein Roman zu unserer europäischen Geschichte werden würde, doch dass es mich so unvermittelt trifft, dass es noch gar nicht so lange her ist, hätte ich niemals gedacht.

Sicherlich liegt das auch an der Schreibweise des Autors, die einen direkt in die Zeit und in die Geschichte bringt und man fast selbst die Kälte und den Hunger spürt. Auch die Entscheidung des Autors, die "alten" Bezeichnungen, Wörter und Wortzusammenstellungen zu nehmen,  trägt vieles dazu bei, dass man noch viel intensiver in diese Geschichte eintaucht. Allerdings vermisse auch ich da ein Glossar oder zumindest Fußnoten zur Erklärung der einzelnen Begriffe.

Nach den ersten Seiten erging es mir wie Aldawen. Ich war froh, dass diese schlimmen Zeiten vorbei sind und gleichzeitig unglaublich wütend darüber, wie jämmerlich und unzufrieden das deutsche Volk doch geworden ist, gerade mal 150 Jahre nach den Schwabenkindern.

In diesen ersten 6 Kapiteln wird man als Leser regelrecht darauf vorbereitet, wie die Zeit damals war und was noch alles kommen kam. Die Ernsthaftigkeit der einzelnen Familien, die Tag für Tag um ihr Überlegen kämpfen, das stark sein in dieser Zeit (Weinen oder Schwäche zeigen war vermutlich damals nicht angesagt) und auch Entscheidungen treffen zu müssen, die einem zwar innerlich das Herz zerreißen, aber unumgänglich sind, zerreißt einen gefühlsmäßig, der in einer materialistischen, wohlgenährten und einer meistens gut gehenden Gesellschaft lebt. Aber für die Familien damals war es wahrscheinlich ganz normal, sie kannten ja auch nichts anderes.

Dass Kaspanaze (recht seltsamer Name)  es auch recht locker aufnahm, mit den anderen Kindern nach Ravensburg zu gehen, kann ich schon nachvollziehen, denn die anderen machen das ja auch und es ist auch ein wenig Abenteuer. Er ist erst 9, für ihn zählen noch andere Dinge. Ich befürchte allerdings, dass nach diesem "Verkauf" die Welt mit anderen Augen sieht und seine Kindheit vorbei sein wird.

Ich denke, es wird ein gefühlsintensives Buch werden, was zum Nachdenken anregt, sich mit der Geschichte auseinandersetzen lässt und wie schon vorher angemerkt, auch zeitintensiv sein wird.

Ich bin sehr gespannt auf den weiteren Verlauf.

LG Murkxsi
« Letzte Änderung: 16. Januar 2010, 18:52:56 von Murkxsi »

Offline Elmar

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #8 am: 16. Januar 2010, 23:11:40 »
Hallo allerseits!

Diesen ersten Abschnitt habe ich gelesen und weiß nicht, ob ich mehr entsetzt oder fasziniert sein soll. Sicher sind wir alle froh, nicht mehr unter solchen Bedingungen leben zu müssen, wobei man sich schon klarmachen muß, daß diese Zeiten in Europa noch nicht lange zurückliegen und in vielen Teilen der Welt noch immer Realität sind. Aber ich bin doch immer ganz froh, wenn mir diese Perspektive mal wieder so richtig ins Bewußtsein gerufen wird.

Da sagst du was Wahres! Ich bin auch sehr gespannt auf meinen mehr oder weniger ersten deutsch(sprachig)en "Jammer und Elend-Roman", wie ich die Bücher nenne, die vom Elend der armen Landbevölkerung in unwirtlichen Gegenden handeln. Ich habe schon viele schwedische Romane in dem "Genre" gelesen, aber nichts oder kaum was aus deutschen Gefilden. Da ich aber Romane mit - bisher - ähnlicher Thematik schon öfter gelesen habe, hält sich mein Entsetzen in Grenzen und die Faszination überwiegt. Außerdem bin ich fleißig dabei, Parallelen und Abweichungen zwischen mittel- und nordeuropäischen Verhältnissen zu suchen.
Ähnliche Wanderbewegungen von Kindern gab es auch in andern Gegenden, z. B. in Norddeutschland und  Sachsen. Der Unterschied lag nur in ungleichen klimatischen Härten  und den räumlichen  Bedingungen: Vereinfacht: Flachland gegen schneebedeckte Alpen zur Zeit der  Wanderungen.

Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird
Sowohl der Verlag als auch ich haben aus den Fehlern gelernt. Bei meinem  letzten "Wälder-Roman" "Felder's Traum" gibt es nun ein Glossar. Bei den "Schwabenkindern" denke ich aber - und das wurde mir auch vielfach bestätigt- gehen die Auflösungen aus dem Zusammenhang hervor.
Das ganze unbekannte Vokabular fasziniert mich, auch wenn ich nicht alles (eher sehr wenig) nachschlage – ich bin zu faul dazu, meine Lektüre immer wieder zu unterbrechen. Dass das Glossar fehlt, bedaure ich aber auch sehr; solche zu lesen, finde ich immer hoch interessant, und gerade in diesem Buch gibt es reichlich Material.
Aber nicht nur die unbekannten Worte, auch die manchmal abweichende Grammatik finde ich hochinteressant. Dass die Kühe nicht „die“, sondern „der“ Bless/Fleck sind, hat mich ziemlich umgehauen. Ich gehe mal davon aus, dass das den damaligen (und vielleicht auch noch heutigen) Sprachgewohnheiten im Bregenzerwald entspricht. So was denkt man sich nicht aus, und da Elmar Bereuter laut Info im Buch aus einer Bauernfamilie in der Gegend stammt, weiß er das sicher aus erster Hand. Daher bin ich geneigt, ihm vieles auch ohne weitere Kontrolle zu glauben.
Der Bregenzerwälder Dialekt zählt zu den ältesten noch gesprochenen Mundarten mit einem bis heute noch wohl einzigartigen erhaltenen und umgangssprachlich gepflegten  Wortschatz. Vielfach weicht auch die Satzstellung vollkommen ab, was der in Schriftdeutsch übertragenen  Sprache eine oftmals eigenwillige Färbung gibt. So hoffe ich jedenfalls.   

Dabei gleich mal eine Frage an Elmar: Hast du Vorfahren, die selbst Schwabengänger waren? Gibt es in deiner Familie vielleicht Erzählungen über die Erlebnisse solcher Kinder? Oder was hat dich sonst zu diesem Thema gebracht?
Ja.  Sowohl mein Vater (*1908)  als auch meine Mutter (*1914)  waren Schwabenkinder.  Ich wohne in einem kleinen Dorf am Bodensee in Oberschwaben. Während der Begriff  "Schwabenkinder"  in meiner Heimat Vorarlberg jedem Kind geläufig ist, musste ich feststellen, dass er hier völlig unbekannt war, obwohl noch bis in die 50er-Jahre Kinder aus Vorarlberg nachweislich  hier im Sommer gearbeitet haben. Mir ging es nun einfach darum, dieses Kapitel nicht einfach in Vergessenheit geraten zu lassen, zumal die letzten noch lebenden Zeitzeugen in schon fast biblischen Alter waren.  Es war eigentlich gerade noch der letzte Zipfel, den ich noch "erwischt"  habe...

Apropos Kühe – etwas gewundert hat mich ein Satz im 3. Kap. (S. 33). Dort heißt es im Zusammenhang mit der Kuh, die ihr Kalb tot zur Welt brachte:
Nun fiel der Fleck nicht nur zum zweiten Mal für die Nachzucht, sondern dazu wieder eine Zeit lang auch als Milchkuh aus.
Wieso eigentlich? Das Kalb ist doch (zumindest wird nichts anderes erwähnt) zeitgerecht zur Welt gekommen, so dass die Kuh nun auf neue Milchproduktion eingestellt ist. Ob nun ein Kalb gesäugt, oder per Hand gemolken wird, dürfte doch keinen Unterschied machen. Milchkühen werden doch sowieso ihre Kälber kurz nach der Geburt weggenommen, so dass ihre gesamte Milch den Menschen zugute kommt. Oder habe ich irgendwo einen Denkfehler drin?
Die Milch einer frisch gekälberten Kuh ist zur allgemeinen Milchverarbeitung  nicht geeignet, da sie von der Konsistenz her verändert ist.  Die Produktion ist auf die Ernährung des Kalbes umgestellt.  Die gelbe, so genannte  "Biestmilch"  ist anfangs oft noch von Blutfäden durchzogen und wurde früher nur in der Familie meist in gestockter Form gegessen. Ich denke heute noch mit Schaudern daran.

Eine weitere Sache, über die ich mich wundere, steht im Zusammenhang mit der notgeschlachteten Sau. (Welch ein Schicksalsschlag übrigens – dass die Familie nun in ihrer Existenz akut bedroht ist, macht noch deutlicher, mit wie geringen Marginalen sie bisher überlebt hat.)
Das Vieh wird zerteilt entsprechend der Schulden, die die Familie bei diversen Leuten hat:
Ein Schlegel mitsamt der Haxe für den Heugeschirrmacher… (S. 57)
Nun heißt es aber im auf S. 36, dass die zwei Schweine, die die Mesers jeweils großziehen, im Spätherbst geschlachtet werden. Das eine bekommen die Geschwister, das andere ist eigentlich zum Eigenverbrauch bestimmt, aber zum größten Teil an Schuldner versprochen. Aber diese Bezahlung müsste doch schon geschehen sein. Mittlerweile befinden wir uns doch im (Spät-?)Winter und die beiden Tiere müssen also schon vor einiger Zeit geschlachtet und die Schulden bezahlt worden sein. Denn zumindest über die Schuld an den Heugeschirrmacher wird gesagt, dass ihm das Fleisch „im Sommer schon“ versprochen worden war. Da passt es meiner Meinung nach nicht ganz, dass die Mesers ihn erst jetzt bei der unplanmäßigen Schlacht bezahlen.
Das war ursprünglich so geplant. Die Sau hat aber unplanmäßig das Zeitliche gesegnet und damit die Pläne über den Haufen geworfen...

Was mich gewundert hat, ist die beherrschte Reaktion der Mutter.

Ich nehme an, dass sie sich ähnliche Gedanken gemacht hat wie ihr Mann und zu dem gleichen Ergebnis gekommen ist.
Ja. Schließlich waren sie  nicht nur miteinander verheiratet, sondern arbeiteten zusammen,  so zu sagen  als Einheit. Da kennt jedes den Gedanke des anderen, auch ohne Worte...
 Ihr kommt die Entscheidung des Vaters sicher nicht so überraschend, wie der es vermutet hat. Hinzu kommt, denke ich, noch der Schockzustand, in dem sich die Familie befindet. Irgendwann kann man auch bei weiteren Schicksalsschlägen keine weiteren Emotionen mehr aufbringen. Die Erwachsenen sind nicht nur wirtschaftlich sondern auch psychisch am Ende.
Wirtschaftlich am Rande : Ja - am Ende:  Nein. Es gibt  den alten Vergleich mit den beiden Mäusen, die in die Milch fallen: Die eine Maus fügt sich in ihr Schicksal, während die andere so lange strampelt, bis aus der Milch Butter wird. Dem wohl überwiegenden Teil der Bregenzerwälder Bauern blieb, wenn sie überleben wollten,  über Generationen hinweg nur das Strampeln. 


Offline Breña

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #9 am: 17. Januar 2010, 15:32:20 »
Hallo zusammen,

ich freue mich auf eine interessante Leserunde und bin froh, dieses Buch mit Autorenbegleitung lesen zu können. Elmar, ich bin mir sicher, dass Du uns wertvolle Hintergrundinformationen und Erklärungen liefern wirst. Vielen Dank für Deine Beteiligung!
Für mich ist es spannend einen historischen Roman zu lesen, der ein bisher für mich unbekanntes Thema behandelt, das allerdings zeitlich und räumlich so nah liegt. Offenbar weiß man mehr über Antike und Mittelalter als über naheliegende Geschichte. Ähnlich wie ihr war ich froh darüber, dass dieses Kapitel der europäischen Geschichte für mich genau das ist: Geschichte. Gleichzeitig wird man sich seiner Luxusprobleme deutlich bewusst und schämt sich fast dafür...

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, in die Lektüre reinzukommen, da die Sprache für mich eher gewöhnungsbedürftig war. Der klare Vorteil daran ist jedoch, dass das Erzählte stark an Glaubwürdigkeit gewinnt. Ich war ebenfalls zu faul, bestimmte Wörter nachzuschlagen, da ich den Lesefluß nicht unterbrechen wollte und die meisten Begriffe sich grob aus dem Zusammenhang erschließen. Meist habe ich mir allerdings mehr Hintergrundinformationen gewünscht und ebenfalls ein Glossar vermisst. (Unter Pfister habe ich mir schließlich einen Handlanger des Müllers vorgestellt, das ist vom Bäcker immerhin nicht allzu weit entfernt.)

Auch ich sehe diesen ersten Leseabschnitt als Einführung, während der man mit den äußeren Umständen bekannt gemacht und in die Familie Meser eingeführt wird. Bemerkenswert finde ich dabei den sachlichen Tonfall, mit dem nicht nur damals alltägliches für den heutigen Leser erläutert wird sondern auch das harte Los der Familie. Kaspanaze selbst spielt dabei noch keine herausragende Rolle, statt dessen bietet sich dem Leser über die anderen Familienmitglieder ein umfassenderes Bild. Ich bin gespannt, inwieweit das im Folgenden fortgesetzt werden kann, da mir dieser Überblick gut gefällt.

Außerdem bin ich fleißig dabei, Parallelen und Abweichungen zwischen mittel- und nordeuropäischen Verhältnissen zu suchen.

Vielleicht kannst Du uns an der ein oder anderen Erkenntnis ja teilhaben lassen? Ich fänd's interessant.

Viele Grüße
Breña
"It is not true that we have only one life to live; if we can read, we can live as many more lives and as many kinds of lives as we wish."  S.I. Hayakawa

Aldawen

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #10 am: 17. Januar 2010, 18:54:07 »
Aber nicht nur die unbekannten Worte, auch die manchmal abweichende Grammatik finde ich hochinteressant. Dass die Kühe nicht „die“, sondern „der“ Bless/Fleck sind, hat mich ziemlich umgehauen. Ich gehe mal davon aus, dass das den damaligen (und vielleicht auch noch heutigen) Sprachgewohnheiten im Bregenzerwald entspricht.

Nicht nur dort, ich kenne es auch vom Mittelrhein, wo die Nachbarn, wenn ich nach der Tochter fragte, auch gerne mal davon sprachen, daß „der Dagmar im Wald“ sei. Daher habe ich hier zwar auch zunächst gestutzt, es aber dann unter Dialekt verbucht.

Vieles von dem Gelesenen kannte ich bereits aus den Kindheitserzählungen meiner Eltern. Schule war damals in den 20er Jahren im Sommer noch genau so Nebensache, wie in dem Buch für Kaspanaze und die anderen Kinder. Meist waren es die jüngeren, die in den vorgesehen Schulgenuss kamen.
Die Schlitten, die ich aus den Beschreibungen meines Vaters kenne, der im Wald gearbeitet hat, so wie Kaspar beim Schneider, waren das übliche Transportmittel, aber eben auch sehr gefährlich.

Da hast Du den meisten von uns sicher etwas voraus. Ich kenne es nicht mal mehr aus den Erzählungen meiner Eltern, die sind dafür auch schon zu jung und nicht im richtigen Umfeld aufgewachsen. Meine Großeltern hätten sicher eher dergleichen berichten können, aber die sind schon zu lange tot und daher kann ich sie nicht mehr fragen.

Ja.  Sowohl mein Vater (*1908)  als auch meine Mutter (*1914)  waren Schwabenkinder.  Ich wohne in einem kleinen Dorf am Bodensee in Oberschwaben. Während der Begriff  "Schwabenkinder"  in meiner Heimat Vorarlberg jedem Kind geläufig ist, musste ich feststellen, dass er hier völlig unbekannt war, obwohl noch bis in die 50er-Jahre Kinder aus Vorarlberg nachweislich  hier im Sommer gearbeitet haben. Mir ging es nun einfach darum, dieses Kapitel nicht einfach in Vergessenheit geraten zu lassen, zumal die letzten noch lebenden Zeitzeugen in schon fast biblischen Alter waren.  Es war eigentlich gerade noch der letzte Zipfel, den ich noch "erwischt"  habe...

So lange gab es das noch? Eigentlich sollte mich das nicht wundern, denn ich kenne eine ähnlich unglaubliche Sache aus Moordorf in Ostfriesland. Im dortigen Freilichtmuseum sind die u. a. die Lehmhütten der Moorsiedler zu sehen, die auch z. T. noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts bewohnt waren. Das glaubt man kaum, wenn man davorsteht. Die Lebensbedingungen sind dort letztlich auch nicht besser gewesen als in diesen Alpentälern. Es schockiert nur so, weil man es hier und für das 20. Jh. schon gar nicht mehr erwartet. Umso wichtiger finde ich es, derartige Kapitel nicht im Dunkel verschwinden zu lassen.

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, in die Lektüre reinzukommen, da die Sprache für mich eher gewöhnungsbedürftig war. Der klare Vorteil daran ist jedoch, dass das Erzählte stark an Glaubwürdigkeit gewinnt.

Das habe ich im zweiten Abschnitt, den ich gerade schon gelesen habe, sogar noch stärker empfunden, vielleicht auch, weil ich mich jetzt einfach schon etwas in diese Sprache „eingelesen“ habe.


Offline nerolaan

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #11 am: 17. Januar 2010, 19:10:08 »
Hallo Elmar,

vielen lieben Dank erstmal, dass Du dir die Zeit nimmst uns hier zu begleiten!  :)

Abgesehen davon merke ich schon, daß das eine zeitintensive Lektüre wird, denn ich habe gerade schon einiges über altes Handwerk sowie Sagen und Volkserzählungen aus dem Alpenraum nachgelesen, da ich weder mit Tüchelbohrern noch Venedigermännle aus dem Stegreif etwas anfangen konnte. Schade, daß es kein Glossar gibt, in dem so etwas erläutert wird
Sowohl der Verlag als auch ich haben aus den Fehlern gelernt. Bei meinem  letzten "Wälder-Roman" "Felder's Traum" gibt es nun ein Glossar. Bei den "Schwabenkindern" denke ich aber - und das wurde mir auch vielfach bestätigt- gehen die Auflösungen aus dem Zusammenhang hervor.

Zwar vermisse ich immernoch ein wenig ein Glossar, ab Du hast recht: nachdem ich mich ein wenig eingelesen habe, fällt es sehr viel leichter Wörter aus dem Zusammenhang zu erschließen.  :)

Ja.  Sowohl mein Vater (*1908)  als auch meine Mutter (*1914)  waren Schwabenkinder.  Ich wohne in einem kleinen Dorf am Bodensee in Oberschwaben. Während der Begriff  "Schwabenkinder"  in meiner Heimat Vorarlberg jedem Kind geläufig ist, musste ich feststellen, dass er hier völlig unbekannt war, obwohl noch bis in die 50er-Jahre Kinder aus Vorarlberg nachweislich  hier im Sommer gearbeitet haben. Mir ging es nun einfach darum, dieses Kapitel nicht einfach in Vergessenheit geraten zu lassen, zumal die letzten noch lebenden Zeitzeugen in schon fast biblischen Alter waren.  Es war eigentlich gerade noch der letzte Zipfel, den ich noch "erwischt"  habe...

Mir war das Ganze so gar nicht bewusst. Wie gesagt, beim Lesen des 1.Abschnitts war ich schon wie vom Donner gerührt, als mir aufging, dass es eben nicht in später Mittelalter oder dergleichen spielt, sondern zum Ende des vorletzten Jahrhunderts.
Mich hast Du erstmals auf diesen Zipfel in unserer Geschichte aufmerksam gemacht - und so schrecklich ich den Gedanken dann doch finde: ich bin irgendwie gleichzeitig auch fasziniert davon und bin daher doch umso gespannter, wie es mit Kaspanze weiter geht!

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, in die Lektüre reinzukommen, da die Sprache für mich eher gewöhnungsbedürftig war. Der klare Vorteil daran ist jedoch, dass das Erzählte stark an Glaubwürdigkeit gewinnt.

Schwierigkeiten hatte ich nicht wirklich. Allerdings habe ich jetzt beim Lesen des 2.Abschnitts dann doch gemerkt, dass ich im 1. wohl immer wieder etwas "stockte", denn der 2. ging mir deutlich leichter von der Hand.
Das sich die Sprache an den dort üblichen Dialekt hält finde ich auch gut, weil es wirklich dem Ganzen nochmal einen bestimmten Hauch Glaubwürdigkeit zusätzlich verleiht. :)

Offline Saltanah

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #12 am: 17. Januar 2010, 23:07:07 »
Sowohl der Verlag als auch ich haben aus den Fehlern gelernt. Bei meinem  letzten "Wälder-Roman" "Felder's Traum" gibt es nun ein Glossar. Bei den "Schwabenkindern" denke ich aber - und das wurde mir auch vielfach bestätigt- gehen die Auflösungen aus dem Zusammenhang hervor.

Ja, es stimmt schon, dass das meiste mehr oder weniger genau aus dem Zusammenhang hervorgeht. Nur hätte ich es eben gerne genau gewusst.

Der Bregenzerwälder Dialekt zählt zu den ältesten noch gesprochenen Mundarten mit einem bis heute noch wohl einzigartigen erhaltenen und umgangssprachlich gepflegten  Wortschatz. Vielfach weicht auch die Satzstellung vollkommen ab, was der in Schriftdeutsch übertragenen  Sprache eine oftmals eigenwillige Färbung gibt. So hoffe ich jedenfalls.   

Für meinen Geschmack dürfte die Sprache gerne noch ein wenig dialektaler sein. Aber auch so erfreue ich mich an den Abweichungen zum Standardhochdeutsch.

Ja.  Sowohl mein Vater (*1908)  als auch meine Mutter (*1914)  waren Schwabenkinder.  Ich wohne in einem kleinen Dorf am Bodensee in Oberschwaben. Während der Begriff  "Schwabenkinder"  in meiner Heimat Vorarlberg jedem Kind geläufig ist, musste ich feststellen, dass er hier völlig unbekannt war, obwohl noch bis in die 50er-Jahre Kinder aus Vorarlberg nachweislich  hier im Sommer gearbeitet haben. Mir ging es nun einfach darum, dieses Kapitel nicht einfach in Vergessenheit geraten zu lassen, zumal die letzten noch lebenden Zeitzeugen in schon fast biblischen Alter waren.  Es war eigentlich gerade noch der letzte Zipfel, den ich noch "erwischt"  habe...

Das Buch ist also auch Aufarbeitung der Familiengeschichte. Ich finde es toll, dass du diese in Vergessenheit geratenen Lebensbedingungen durch deinen Roman einem größeren Publikum ins Gedächtnis zurückrufst, bzw. viele (mich z. B.) erstmals damit bekannt machst.
Noch eine Frage habe ich in diesem Zusammenhang: Weshalb hast du deine Geschichte noch einige Generationen weiter in der Vergangenheit angesiedelt, wenn doch noch deine Eltern selbst entsprechende Erfahrungen machten?

Die Milch einer frisch gekälberten Kuh ist zur allgemeinen Milchverarbeitung  nicht geeignet, da sie von der Konsistenz her verändert ist.  Die Produktion ist auf die Ernährung des Kalbes umgestellt.  Die gelbe, so genannte  "Biestmilch"  ist anfangs oft noch von Blutfäden durchzogen und wurde früher nur in der Familie meist in gestockter Form gegessen. Ich denke heute noch mit Schaudern daran.

Ah ja; ich hatte aus dem Ausdruck „eine Zeit lang“ in meinem Kopf „eine lange Zeit“ gemacht. Der Teufel liegt im Detail.

Das war ursprünglich so geplant. Die Sau hat aber unplanmäßig das Zeitliche gesegnet und damit die Pläne über den Haufen geworfen...

Der Heugeschirrmacher hat tatsächlich für seine Arbeit im Sommer eine Bezahlung nicht in einigen Monaten, sondern erst im Herbst des folgenden Jahres akzeptiert? Der hat es doch sicher auch nicht so dicke, dass er seinen Schuldnern eine so lange Frist einräumen kann.Der Kaspar hat da jedenfalls Glück, dass er nicht an mich geraten ist. So lange hätte ich sicher nicht auf meinen Lohn warten wollen. ;)

Offline Papyrus

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #13 am: 17. Januar 2010, 23:46:40 »
Hallo zusammen,

ich habe nun auch die ersten 6 Kapitel hinter mir. Ein Glossar habe ich mir auch gewünscht, auch wenn sich vieles aus dem Zusammenhang ergibt.
Die Geschichte ist aufwühlend und erschreckend. Zum einen, da sie noch nicht allzu lange zurück liegt, zum anderen da es in einigen Teilen dieser Welt wohl näher an der Realität ist, als man glauben möchte.

Ob Elmar nun in Bregenzerwälder Dialekt schreibt oder nicht, diese schnörkellose und direkte Sprache macht die Geschichte absolut authentisch.
Mir graust vor dem was noch kommen wird.
Lesende Grüße
Papyrus

Offline Sookie

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Re: 1 – Kapitel 1 bis 6
« Antwort #14 am: 18. Januar 2010, 17:24:57 »
Hallo zusammen!

Ich hab es endlich an den Computer geschafft, unser Internet hatte in den letzten 2 bis 3 Tagen mehrere Aussetzer. Da merkt man dann mal, wie abhängig man von diesem Kasten eigentlich ist.  Stimmt beinahe schon auf den Roman ein.  ;)

Als ich mich zur Leserunde angemeldet habe, habe ich ehrlich gesagt zwar einen interessanten, aber doch eher anstrengenden Roman erwartet. Da hat mich eigentlich am meisten das Thema interessiert. Seit der ersten Seite bin ich hellauf begeistert. Was für ein tolles Buch! Und es liest sich so flüssig, dass ich total verpasst habe, wo der erste Abschnitt aufhört und einfach weiter gelesen habe.

Demnächst muss ich dann aber doch mal googeln, weil ich mir manche Sachen einfach überhaupt nicht vorstellen kann. Den Schlitten zum Beispiel mit dem der Schneider, Kaspar und die Knechte im Wald die Stämme holen. Ich hab so ein Ding noch nie gesehen und irgendwie findet sich in meinem Kopf aus den Beschreibungen kein richtiges Bild zusammen.

Wenn ich über die Verhältnisse von damals lese, geht es mir übrigens genauso wie euch auch: Ich schwanke zwischen Entsetzen und Faszination. Ensetzen darüber, wie arm die Menschen waren (allein die Vorstellung, in einem Bett zu liegen, dass mit Raureif überzogen ist vor einem Fenster durch dessen Ritzen sogar Schnee hereinweht, oder zum Essen nur Milch, Brot, verschrumpelte Äpfel und ähnliches zu haben...), und Faszination darüber, dass sie tatsächlich so gelebt haben und eigentlich einen mehr oder weniger normalen Alltag hatten.

Die Sprache gefällt mir total gut. Das ist mir vor allem dadurch aufgefallen, dass ich nebenbei sozusagen Kontrastprogramm lese, in dem der Stil total anders ist. Der Dialekt und die vielen Wörter, die ich vorher noch nie gehört habe, tragen einfach dazu bei, dass ich mitten ins Geschehen reinrutsche. Wahnsinnig toll, ehrlich. Ich saß im Café und habe nichts mehr um mich herum mitgekriegt.  8)

Dass es im 19. und 20. Jahrhundert noch so etwas gab finde ich zwar erschreckend, aber überrascht hat es mich jetzt eigentlich nicht so sehr. Ich interessiere mich ja grundsätzlich für Geschichte und da gibt es so viele krasse Sachen, die noch gar nicht so lange her sind... Ich, die ich erst 19 bin, denke manchmal, wenn ich Filme aus den 50ern oder 60ern sehe, das müsste auch schon Ewigkeiten zurückliegen. ;D ;)

Die Milch einer frisch gekälberten Kuh ist zur allgemeinen Milchverarbeitung  nicht geeignet, da sie von der Konsistenz her verändert ist.  Die Produktion ist auf die Ernährung des Kalbes umgestellt.  Die gelbe, so genannte  "Biestmilch"  ist anfangs oft noch von Blutfäden durchzogen und wurde früher nur in der Familie meist in gestockter Form gegessen. Ich denke heute noch mit Schaudern daran.
Bei den Beschreibungen des Essens musste ich auch ein paar Mal schlucken, ehrlich gesagt. Auch die Szene ganz am Anfang, wo Kaspanaze sich ähm die Nase "entleert", war wirklich sehr bildlich beschrieben. Eklig. Aber sowas mag ich, da musste ich auch sofort grinsen.  Genauso wie über die ganzen Streiche, die Kaspanaze gespielt hat. Sehr lustig. Damals hat man seine Zeit als Kind noch zu nutzen gewusst! ;D

Lg,
Sookie