
Hmm. Versteht man das an dieser Stelle nicht, dass es Vincent im Gefängnis schlecht geht? Dass er praktisch dabei ist, durchzudrehen?
Nein, da war ich auch ein wenig überrascht, dass Vincent plötzlich zur Psychologin sollte. Dass ein intelligenter junger Mann, der den ganzen Tag Filter zusammensetzen muss, nicht glücklich sein kann, ist klar; aber dass es so schlimm um ihn steht, kam wirklich zu wenig rüber. Um das Ausmass seines Zustandes wirklich klar zu machen, fehlten allerdings nur einer bis zwei Sätze, irgendein Gedanke eines anderen Protagonisten. So, wie es jetzt da steht, habe ich automatisch Vincents Sicht der Dinge übernommen und dachte, dass es ihm gar nicht so schlecht gehen könne...
Ich habe den Abschnitt, in dem Vincent zur Psychologin geht, grade nochmal gelesen. In der Tat eine Spur zu subtil

Sonst ist es ein Genuss, sich Simon Königs Wahlversprechen anzuhören. Der Mann hat sich wirklich viele Gedanken gemacht und seinen eigenen Vergleich mit einem Hofnarren finde ich sehr gelungen.
Andererseits erinnert mich das Ganze auch ein wenig an den Wahlkampf und das erste Amtsjahr Barrack Obamas. Er hat auch mit tollen Ideen und grossen Versprechen geglänzt und wurde dann von der Realität eingeholt. Obwohl es ihm sicher weder am Willen noch an der Energie fehlt, seine versprochenen Reformen umzusetzen, ist der politische Alltag offenbar doch ein anderer. Auch der Präsident der USA kann nicht allein mit gesundem Menschenverstand regieren. Ich bin allerdings sehr gespannt, wie weit Obama mit seinem Versuch kommt

Für die Regierungszeit Simon Köngis verheisst das jedenfalls nicht allzu Gutes; abgesehen davon, dass er sich zum Schluss des Wahlkampfes immer mehr in seine Rolle hineinsteigert und gegen Schluss mit Vorschlägen glänzt, die vom Gedankenansatz her hochinteressant sind, ihn aber für den ernsthaften Wähler unwählbar machen, wie zB das Verbot von Werbung*.
Aber wie anders will man heutzutage über Politik schreiben...

Ja, und wie will man heutzutage tatsächlich noch ernsthaft wählen gehen? Von links bis rechts ist kaum jemand glaubwürdig - so weit sind des Königs Wahlversprechen von denen deutscher Politiker ja nicht, wenn ich das als Aussenstehende mal so sagen darf. Da herrscht ja mittlerweile ständig Wahlkampf und wenn morgen Bundestagswahl wäre (und ich mitmachen dürfte) wüsste ich echt nicht, wen wählen...
In der Schweiz ists nur deshalb nicht so schlimm, weil die Regierung dank der direkten Demokratie ständig im Dialog mit der Bevölkerung stehen muss (um ihre Anliegen bei den Volksabstimmungen durchzubringen) und genau weiss, dass extrem unpopuläre Gesetze sowieso nicht durchsetzbar sind. Von daher ist unsere Regierung gezwungen, so zu arbeiten, dass es dem Volk mehrheitlich passt. Das System hat aber auch seine Probleme, so ist es zB sehr langsam, was in unserer schnelllebigen Welt manchmal ein Problem ist. Andrerseits fällt so viel Aufgeregtheit weg - Stichwort Nacktscanner: Wollte man die bei uns einführen, gäbe es garantiert ein Referendum, was die Einführung locker um 1,5 Jahre verzögern würde - genug Zeit, um eine vernünftigere Lösung zu suchen, was die Regierung in der Zeit übrigens auch tun müsste. Kann ja sein, dass das Volk Nein sagt zu den Scannern und dann kannst du am Montagmorgen nach der Abstimmung nicht ohne Konzept dastehen

Weiterhin: ein spannendes Buch - sowohl von der Geschichte wie auch von den angesprochenen Themen her.
Lieber Gruss
Alfa Romea
*Meines Erachtens schlägt König da den Sack (die Werbeindustrie) und meint den Esel (die Konsumenten). Da Problem sind weniger die Begehrlichkeiten, die die Werbung weckt, sondern der Mensch an sich. Ich gehe mal davon aus, dass alle, die hier mitlesen, ein Dach über dem Kopf haben und sich nicht überlegen müssen, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Ich gehe weiter davon aus, dass hier alle so versichert sind, dass sie im Krankheitsfall zum Arzt gehen können und auch behandelt werden. Damit wären dann die elementaren Grundbedürfnisse des Menschen abgedeckt. Alles, was danach noch kommt, ist Luxus. Und da ist nicht die verführerische Werbung unser grösster Feind, sondern der Vergleich. Der Mensch vergleicht ständig, um sich seines Status' zu versichern, um vielleicht irgendwo was Interessantes zu sehen/lernen, um Erfahrung zu sammeln. Das ist in unserem genetischen Programm einfach drin, da lässt sich nichts machen. Aber wir können mit unserem Verstand steuern, wie wir damit umgehen. Die meisten bewegen sich dabei nur leicht oberhalb des Urmenschen-Niveaus - es gibt nur den Reflex "auch haben will".
Das zeigt unter anderem eine Studie (
hier erwähnt), die untersucht hat, ob Leute, die im Lotto grosse Summen gewonnen haben, danach glücklicher sind als vorher. Resultat: Nein, sind sie nicht. Wieso? Mit ein paar Millionen auf dem Konto ist man auf einen Schlag alle Geldsorgen los, eigentlich müsste man jetzt glücklich sein. Allerdings stellte sich heraus, dass sich die Neumillionäre nicht mehr mit ihrem alten "armen" Umfeld verglichen haben, sondern mit anderen Millionären. Und da gehts einem gleich wie zuvor in der gewöhnlichen Nachbarschaft: Einer hat immer ein schöneres Haus/ein besseres Auto/eine exklusivere Handtasche.
Die Werbeindustrie macht sich solche (und andere) Eigenschaften der menschlichen Psychologie natürlich zu Nutze. Aber die Verantwortung für den Umgang mit Materiellem, mit Wünschen und was welche Priorität und welchen Einfluss auf das Wohlbefinden hat, liegt bei jedem Einzelnen. Dazu, das eigene Tun zu reflektieren, ist jeder geistig gesunde Mensch in der Lage (auch die Dummen), nur tut es kaum jemand. Das ist meiner Meinung das grössere Problem als die (zugegebenermassen fiese) Werbebranche.
Was man dagegen tun kann? Da habe ich leider keine Ahnung. Ich habe die Hoffnung, dass man eine grosse Mehrheit der Menschen zu reflektierem Handeln (auch in anderen Bereichen als dem Konsum) bewegen könnte, eigentlich schon aufgegeben. Wäre vielleicht was für die nächste Evolutionsstufe (falls wirs noch so weit bringen sollten).