Leserundenarchiv > Andreas Eschbach – Ein König für Deutschland
Leserundenfazit, Rezensionen etc. (ohne Spoiler!)
Miramis:
Hier ist Platz für Rezensionen zum Buch und Meinungen zur Leserunde allgemein, die Ihr vielleicht nach der Leserunde schreiben wollt. Es wäre schön, wenn sich hier möglichst viele beteiligen - zumindest ein Fazit zur Leserunde (auch eines vom Autor) ist immer interessant.
Alfa_Romea:
Hi!
Es war eine sehr interessante Leserunde, was natürlich auch an dem Buch lag, das zum Denken anregt. Leider hatte ich nicht ganz so viel Zeit für die Leserunde, wie ich mir gewünscht hätte - auf ein paar Monsterpostings bin ich trotzdem noch gekommen, auch wenn ich stattdessen lieber etwas intensiver mit den anderen Teilnehmern diskutiert hätte.
Vielen Dank an die anderen Leserundenteilnehmer und an Andreas Eschbach für den Gedankenaustausch in den letzten zwei Wochen. So machen Leserunden Spass! :)
Hier ist noch meine Meinung zum Roman:
Inhalt:
In den USA gerät der junge Programmierer Vincent Merrit im Herbst 2000 in ernsthafte Zweifel darüber, ob er eventuell geholfen hat, George W. Bush zum Präsidenten zu machen. Vincent arbeitet für eine Softwarefirma in Florida und hatte im Vorfeld der Wahlen mit einem Programm zu tun, mit dem man Wahlcomputer möglicherweise manipulieren kann. Und nachdem die widersprüchlichen Resultate der Auszählung in Florida bekannt werden, muss sich Vincent ein paar Fragen stellen.
Sein grösstes Problem dabei ist, dass er mit niemandem über den Fall reden kann, da er sich dank einer Vorstrafe nichts mehr zu Schulden kommen lassen darf; sonst verschwindet er für sehr lange Zeit hinter Gittern. Seine Lage kompliziert sich ein paar Jahre später, als ein Mann mit ihm Kontakt aufnimmt, der über seine Fähigkeiten als Programmierer und seine Erfahrungen mit Wahlcomputer offenbar Bescheid weiss. Er macht ihm ein Angebot, dass Vincent nicht ablehnen kann. Als er versucht, aus der Nummer rauszukommen, indem er sich absetzt und seinem in Deutschland lebenden Vater eine CD mit Beweismaterial schickt, setzt er damit Ereignisse in Gang, die sich niemand träumen lassen hätte.
Meine Meinung:
Andreas Eschbach schafft es einmal mehr, ein Thema auszuwählen, das uns alle betrifft, aber über das sich die wenigsten Gedanken machen. In «Ausgebrannt» war es das Erdöl, in «Ein König für Deutschland» sind es Wahlcomputer respektive der Umgang von Behörden mit Computern und neuen Technologien. Statt über Wahlcomputer hätte er auch über Pässe mit biometrischen Daten oder den behördlichen Kampf gegen Internetkriminalität schreiben können; die Botschaft wäre überall dieselbe gewesen: Die Entscheidungsträger in der Politik haben in der grossen Mehrheit keine Ahnung von Computern (was übrigens auch für weite Teile der Bevölkerung gilt) und zeigen wenig Neigung, Leuten, die eine Ahnung haben, auch zuzuhören wenn diese vor Gefahren warnen.
Dass er da mitten aus dem Leben schreibt belegen in die Geschichte eingestreute Fussnoten, die Dinge, die wirklich geschehen sind, gekonnt mit seinem Plot verknüpfen. Dadurch kann man die Geschichte nicht ins Reich der Fanatsie eines begabten Autors schieben, sondern muss sich ernsthafter damit auseinandersetzen; schliesslich könnte George W. Bush seine beiden Wahlen genau auf die Art «gestohlen» haben, die in dem Buch beschrieben ist. Das ist in dem Thriller jedoch erst der Auftakt, in der Folge wird auf glaubhafte Art gezeigt, dass man dank der Technikgläubigkeit von Volk und Behörden auch mit einer sehr dreisten Wahlmanipulation noch durchkommen könnte. Das Buch ist also ein dickes Ausrufezeichen und fordert seine Leser dazu auf, doch bitte auch die kritischen Stimmen neutraler Computerexperten zu hören, wenn ein Politiker wieder mal ein absolut sicheres System auf Computerbasis einführen möchte. Die absolute Sicherheit gibt es bei Computern ebenso wenig wie es sie im richtigen Leben gibt.
Obwohl «Ein König für Deutschland» eine klare Botschaft an seine Leser hat, kommt die Geschichte dennoch nicht mit erhobenem Zeigefinger daher, sondern ist im Gegenteil sehr unterhaltsam verpackt. Action gibt es nicht viel, aber Spannung und Humor kommen nicht zu kurz. Trotz des nicht leichten Themas lässt sich das Buch deshalb sehr gut lesen. Dazu tragen auch die immer wieder eingestreuten Hintergrundinformationen über die Funktionsweise von Computern und die Möglichkeiten, sie zu manipulieren, einen wesentlichen Teil bei. So kam bei mir nie das Gefühl auf, dass ich nur eine Geschichte lese; ich hatte immer das Gefühl, der Inhalt gehe mich tatsächlich etwas an. Ein beim Thrillerlesen gewiss nicht alltägliches Ereignis...
Es gibt zwei Abstriche, einen ganz kleinen und einen ziemlich grossen. Zuerst der kleine: Ich hätte mir da und dort etwas mehr Tempo gewünscht. Direkte Längen hat das Buch keine und ich fühlte mich auf jeder Seite unterhalten, aber dann und wann gings schon recht gemächlich voran.
Dann der grosse: Ich gehöre in Bezug auf Klappentexte und was darin verraten wird, nicht zu der heiklen Sorte. Aber was sich der Verlag da geleistet hat, ist unter aller Kanone.
Der erste Teil des Textes auf dem Buchrücken verrät ein Ereignis, das erst ganz am Ende des Buches stattfindet. Der zweite Teil spielt auf Fragen an, die in dem Buch nicht beantwortet werden, da das Thema ein ganz anderes ist. Der dritte Teil suggeriert ebenfalls eine Geschichte, die in dem Buch schlicht nicht stattfindet. Wer also in der Buchhandlung den Text auf dem Buchrücken liest, bekommt dann ganz etwas anderes, als dort steht. Das Ausweichen auf den Klappentext macht die Sache nur noch schlimmer: Dort ist der ganze Inhalt des Buches zusammengefasst.
Ich habe keine Ahnung, welcher Stümper diesen Text verfasst respektive sein OK dazu gegeben hat, dass das so publiziert wird. Aber sowas ist eine Frechheit gegenüber den Lesern.
Fazit:
Ein aufrüttelndes, informatives Buch, das hoffentlich viele Leser findet, die die darin enthaltene Botschaft nicht vergessen. Im Gegensatz zum Klappentext. Den sollte man vor dem Lesen keinesfalls beachten!
Lieber Gruss
Alfa Romea
AndreasE:
Ich muss gestehen, dass ich ein wenig enttäuscht bin von der Resonanz; mir kommt es so vor, als seien unterwegs die Hälfte der Leser auf der Strecke geblieben – um so mehr schade, als es von vornherein nicht so viele waren. Liegt's am Buch? Trotz vieler lobender Worte?
:-\
Miramis:
Keine Sorge, Herr Eschbach - von mir kommen auf jeden Fall noch Beiträge und auch ein ausführliches Fazit. Mir ist nur leider im Moment nicht sehr viel Lesezeit vergönnt, was die Lektüre etwas hinzieht (bin gestern mit dem 4. Abschnitt fertig geworden :-[). Wenn es nach mir ginge, hätte ich den Roman auch in einem Rutsch durchgelesen, ich finde ihn einfach genial. ;D
apassionata:
Mein Fazit kommt am Wochenende, da auch ich leider zur Zeit zwischen Überstunden und Familie kaum Zwischenräume für klare Gedanken habe. Aber nach Alfas Rezi wird es sowieso sehr schwer, hier noch etwas Gehaltvolles beizutragen. ;D Trotzdem werde ich es noch versuchen. :)
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