Leider war die Leserunde sehr langgezogen und wohl durch die Weihnachtsfeiertage etwas zäh, was bei diesem kleinen Teilnehmerkreis dann doch etwas zu Lasten der Diskussion ging. Mir hat es trotzdem sehr viel Spaß gemacht, mich mit euch auszutauschen und ich möchte mich ganz herzlich bei Hans Waal für seine Leserundenbegleitung bedanken- es war sehr schön, dass du dabei warst und ich hoffe, dir hat es auch ein bisschen gefallen bei uns.
Hier kann ich mich (erstens leider und zweitens zum Glück) nur anschließen. Die Leserunde verlief recht zähflüssig und bei dem kleinen Teilnehmerkreis macht sich jeder Verlust bemerkbar. Dennoch sind einige schöne Diskussionen zu Stande gekommen, für die das Buch auch reichlich Anlass bot. Vielen Dank auch an Hans, dass er uns begleitet hat.

Meine Rezi hat Hans schon auf meinem Blog entdeckt, doch für die Vollständigkeit kopiere ich sie hier noch rein:
Ende März 2004 passiert in einem unterirdischen Bunker in Brandenburg das Undenkbare: der letzte Büchsenöffner bricht ab! Damit bleibt Fritz, Josef, Otto und Konrad nur ein die Möglichkeit, ihren Bunker, die Heimat der letzten 60 Jahre, zu verlassen und sich zur Reichshauptstadt Berlin durchzuschlagen, um neue Befehle zu empfangen. Doch während ihres Exils unter der Erde hat sich einiges verändert und in unserer modernen Welt fallen die vier Fossilien auf. Neben der Polizei und den Medien werden sie auch von Neonazis verfolgt, die in ihnen ihre Vorbilder sehen. Doch sind die vier Senioren, die als junge Menschen den Bunker betraten und dort beinah ihr gesamtes Leben zubrachten, wirklich die Monster, die alle in den Nazis sehen?
Aus drei verschiedenen Blickwinkeln verfolgt der Leser die rasante Handlung, die sich an nur 6 Tagen abspielt: zum einen wäre da Benny, der Assistent eines Kameramannes, dann Evelyn, die zur Leiterin einer Spezialeinheit zur Bekämpfung des Rechtsextremismus befördert wurde, und schließlich Fritz, der jüngste der vier Nazi-Relikte. Während Bennys und Evelyns Passagen Einblicke in die politischen Ränkespiele eröffnen, die durch das Auftauchen der Bunkerbewohner in Gang gesetzt werden, bieten Fritz Tagebucheinträge dem Leser einen vollkommen anderen Blickwinkel auf unsere moderne Welt, in der Gesichtspiercings schon mal als Granatsplitter interpretiert werden und sich die Frage stellt, wie schlecht es unserem Gesundheitswesen geht, wenn so etwas nicht behandelt wird. Gelungen schafft der Autor an diesen Stellen die Gratwanderung, dass man sowohl über die Schilderungen lachen kann, aber einem das Lachen bald darauf in der Kehle stecken bleibt, ohne gleichzeitig von der Moralkeule erschlagen zu werden.
Etwas verwirrend hingegen waren zu Beginn die Perspektivwechsel. Während Fritz Passagen als Tagebucheinträge eindeutig zu erkennen waren, sind sowohl Bennys als auch Evelyns Abschnitte, in denen beide als Ich-Erzähler auftreten, schwer auseinander zu halten. Dies gab sich jedoch im Laufe des Buches und am Ende ergibt sich auch, wodurch dieser eigenwillige Stil bedingt war. Ein Vorteil der drei Ich-Erzähler ist, dass man sehr gut ihre jeweiligen Gedanken und Gefühle nachvollziehen konnte, die sich streckenweise deutlich von der jeweiligen Handlungsweise unterschieden. Durch diese inneren Zwiespälte gewinnen die Hauptpersonen an Tiefe und nachdem man den Handlungsrahmen erfasst hat, fiebert man mit ihnen mit.
Insgesamt gesehen hat es der Autor mit diesem Buch geschafft, einerseits einen spannenden Roman vorzulegen, aber andererseits auch den Leser zum Nachdenken zu bringen, wobei die üblicherweise mit dem Thema Drittes Reich zusammenhängenden Moralpredigten vermieden werden. Statt dessen sorgen leisere Töne dafür, dass man von selbst ins Grübeln gerät.
LG Myriel