Autor Thema: Erzählperspektive: Ich-Erzähler  (Gelesen 6605 mal)

Offline Jeanne

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Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« am: 06. Juli 2006, 22:05:34 »
Da ist eine Sache, die mich schon länger bewegt:

Nicht selten höre ich, dass Leser/-innen keine Ich-Erzähler mögen, diese Bücher sogar ablehnen. Logisch, dass es deutsche Verlage gibt, die grundsätzlich keine Romane dieser Erzählperspektive veröffentlichen – sagt mein Agent. Dabei gilt genau diese Erzählweise nicht umsonst unter Autoren als "Königsdisziplin", denn sie ist so ungleich schwieriger.

Natürlich steht und fällt das Lesevergnügen hier ganz besonders mit der Identifikationsfigur "Erzähler=Protagonist", aber als Leserin hatte ich noch nie Probleme damit. Bei manchen Büchern ist mir erst bewusst geworden, dass die Autoren diesen Stil gewählt haben, als ich darauf angesprochen wurde. Sie haben ihren Job offenbar gut gemacht.
Im LiRo-Genre fallen mir da spontan Diana Gabaldons Heldin (deren Zeitreiseroman ich in dem Moment beiseite gelegt habe, als die Reise nach Amerika ging) und die Figur der Vampirkillerin Anita Blake von Laurell K. Hamilton ein. Mit beiden Erzählerinnen kann ich mich beim besten Willen nicht identifizieren, aber ich finde es spannend, die Welt gelegentlich durch fremde Augen zu betrachten.
Und für Experimente bin ich sowieso offen. "Die Vermessung der Welt" beispielsweise hat mich völlig fasziniert –  und das nicht nur, weil ich zwischen Gauss und mir zumindest eine Gemeinsamkeit entdeckt habe: Wir langweilten uns auf der gleichen Schule schier zu Tode!   :(

Ich habe das jetzt mal so runtergeschrieben, ohne meine Gedanken groß zu strukturieren. Aber ich bin außerordentlich neugierig auf eure Meinungen ...

LG
Jean(i)ne
"Die Sternseherin" - Ein Vampire&Feen-Roman (Teil II)

Offline Jeanne

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #1 am: 07. Juli 2006, 00:24:21 »
Mhm ... ich sehe gerade, das Thema passt eigentlich besser in "Literaturtalk". Sorry, Nimue. Vielleicht magst du es verschieben. Ich kann es leider hier nicht mehr löschen.
Bedankt :-)
"Die Sternseherin" - Ein Vampire&Feen-Roman (Teil II)

Offline sandhofer

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #2 am: 07. Juli 2006, 06:45:46 »
Hallo!

Vielleicht magst du es verschieben.

Schon geschehen!  :)

Grüsse

Sandhofer

Offline Dirk Bernemann

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #3 am: 07. Juli 2006, 13:42:11 »
Meine beiden ersten Bücher (Kurzgeschichten) beinhalten nur Ich-Perspektiven. Ich glaube, das ist für den Leser unbequem, sich in andere Ichs reinzuversetzen und damit seine eigene Verletzlichkeit präsentiert zu bekommen. Ich Ich-Perspektive geht halt am härtesten ran an den Literaturkonsumenten/Bücherregalbesitzer/Bestsellerbesteller.

Dirk
... der kleine personifizierte Mittelfinger gewidmet den umgebenden Umständen ...

Offline HoldenCaulfield

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #4 am: 07. Juli 2006, 16:05:17 »
Ich finde es kommt ganz darauf an. Es gibt Bücher bei denen ich es absolut toll finde das sie in der Ich - Perspektive geschrieben sind. Man erfährt einfach viel mehr über die Gefühle und das Seelenleben der Figur (sofern das ganze gut geschrieben ist) und ja Dirk hat recht man erfährt vielleicht auch etwas über sich oder vielleicht sogar noch stärker über den Autor als man das bei einem Roman hat der in der dritten Person geschrieben ist. Ich persönlich schätze beides Gleichermaßen.
Memento Mori

Offline sandhofer

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #5 am: 07. Juli 2006, 16:49:21 »
Halo zusammen!

[...] man erfährt vielleicht auch etwas über sich oder vielleicht sogar noch stärker über den Autor als man das bei einem Roman hat der in der dritten Person geschrieben ist.

Vielleicht kann ja der eine oder die andere Autor/in dazu Stellung nehmen. Ich persönlich - als Leser - wehre mich immer dagegen, dass man die Ich-Perspektive eines Buchs mit dem Autor / der Autorin identifiziert ...

Grüsse

Sandhofer

Offline Weratundrina

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #6 am: 07. Juli 2006, 16:51:45 »
Nein, das kann man nicht. Da schreibt doch dann das "lyrische Ich".

Hat mir mal eine Deutsch-Klausur versaut, weil ich mich, wie es so meine Art ist  ;D, völlig in Rage geschrieben habe.  ;)
Greetz,
Weratundrina

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Offline HoldenCaulfield

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #7 am: 07. Juli 2006, 16:57:08 »
@Weratundrina
Ja aber das Lyrische Ich ist ja auch ein Teil der Persönlichkeit von daher stimmt meine Aussage schon ;) . Und wenn es nur über die Phantasie des Autors rückschlüße ziehen lässt
Memento Mori

Offline Weratundrina

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #8 am: 07. Juli 2006, 17:05:27 »
Hihi, ja das dachte ich damals auch. Meine Lehrerin sah das anders. Das war meine einzige 4 in Deutsch, die ich je hatte.  ;D

Aber das ist ja jetzt leicht OT.

Zum Thema: ich mag beide Perspektiven, die Ich-Perspektive ist ja grundsätzlich eher seltener und deshalbvielleicht gewöhnungsbedürftiger.
Greetz,
Weratundrina

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Offline Jeanne

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #9 am: 07. Juli 2006, 17:17:33 »
(...) man erfährt vielleicht auch etwas über sich oder vielleicht sogar noch stärker über den Autor (...)

Ich stimme Sandhofer zu (Bedankt übrigens fürs Verschieben des Threads!), es gibt viele Leser, besonders bei Ich-Erzählungen, die annehmen, in Romanen etwas über den Charakter der jeweiligen Autoren zu erfahren. Das mag beim therapeutischen Schreiben eine Rolle spielen, in der Literaturszene m. E. nicht. Ein Kritiker hat mir einmal vorgeworfen, ich sei oberflächlich und nicht zu tiefen Gefühlen fähig, weil eine meiner Figuren sich flatterhaft gab und ständig eine neue "große Liebe" zu finden glaubte. Der Rest seiner Kritik war fundiert, deshalb hat mich damals diese Mutmaßung besonders überrascht. Inzwischen habe ich diverse Kolleginnen und Kollegen kennen gelernt und kann mit Sicherheit sagen, dass sie ihren Gechöpfen nicht ähneln. "Man muss kein Mörder sein, um Krimis zu schreiben", hat ein Autor (den Namen weiß ich nicht mehr) einmal gesagt und das gilt – ich schwöre – unbedingt auch für Vampirautorinnen.
LG
Jean(i)ne

PS
Wenn Dirk der Figur aus seinem Bestseller (!) wirklich ähnlich wäre, dann gilt mein Dank den Göttern, dass ich nicht, wie ursprünglich geplant, mit ihm gemeinsam in Leipzig lesen musste ...  ;)
« Letzte Änderung: 07. Juli 2006, 18:29:29 von Jeanne »
"Die Sternseherin" - Ein Vampire&Feen-Roman (Teil II)

Offline Maren

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #10 am: 07. Juli 2006, 18:02:11 »
Ich schreibe selbst nie in der Ich-Perspektive und les auch unegrn Romane damit. Es gibt nur ganz wenige wirklich gute.
Spontan fallen mir da nur David Copperfield von Charles Dickens, Für Paare verboten von Elfie Donnelly, Diana Gabaldons Highlandsaga und die Romane von A. J. Cronin ein, die er in dieser Erzählperspektive verfasst hat.
Ich-Perspektive ist für mich meist ein Grund, das Buch nicht zu kaufen, eben weil es da nur ganz wenige gibt, die mir wirklich gefalen. Ist es von einem Lieblingsautor(in) von mir, kaufe ich eh alles automatisch, aber einer, von dem ich vorher noch nichts gelesen hab, hat da meist keine Chance bei mir. Ich mag´s einfach nicht.

Offline Bernard

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #11 am: 07. Juli 2006, 21:30:54 »
Hallo!

Ich lese gerade "Fiesta" von Ernest Hemingway.  :lesen: Dieses Buch hat einen Ich-Erzähler. Wenn ein Nobelpreisträger das gemacht hat, ist die grundsätzliche Verwendung des Stilmittels wohl über jeden Zweifel erhaben.

Nur, wie Du schon am Beginn des Threads selbst schreibst: Es ist halt recht schwierig, eine Geschichte mit einem Ich-Erzähler spannend zu erzählen. Das liegt meines Erachtens daran, dass man als Autor auf eine einzige Perspektive festgelegt ist. Wenn in der Story ein Ereignis passiert, bei dem die Figur des Ich-Erzählers nicht anwesend ist, muss man oft akrobatische Klimmzüge machen, um dem Leser die "versäumte" Information nachzureichen - eine andere Figur muss es dem Ich-Erzähler berichten oder Ähnliches. Dabei ist dann aber sofort die Unmittelbarkeit des Erlebens weg, was wieder Spannung rausnimmt.
Zudem ist die Ich-Perspektive auch selten wirklich notwendig, weil die Identifikation mit der Hauptfigur auch funktioniert, wenn man in der dritten Person erzählt.
Ich habe mehrere Kurzgeschichten mit Ich-Erzählern geschrieben, dort taucht das Problem mit der "verpassten Handlung" nicht auf, weil der Ich-Erzähler überall dabei ist.
Ich habe auch einen (unveröffentlichten) Roman mit Ich-Erzähler geschrieben. Dabei habe ich die Geschichte sehr subjektiv aus Sicht dieser Figur geschildert. Anders ausgedrückt: Nicht alles ist "in Wirklichkeit" so passiert, wie es erzählt wird, der Erzähler lässt schon mal Sachen weg, die er (als Figur) nicht erzählen will. Das gibt es noch extremer bei manchen Autoren, in deren Geschichten der Erzähler den Leser bewusst "anlügt" und der Leser dann aus dem Zusammenhang heraus erraten muss, was wirklich passiert ist. Solche Sachen kann man vermutlich nur mit dem Ich-Erzähler machen, aber da reden wir dann nicht mehr über "normale" Geschichten, sondern über etwas sehr Spezielles - und vermutlich auch etwas, was sehr schwierig zu schreiben ist.
Zum Beispiel gibt es ein Buch über eine Frau, die dämonische Erscheinungen austreibt, die sie sich aber nur einbildet - in Wirklichkeit verfolgt sie unschuldige Menschen. Das wird aber explizit nicht erwähnt, und manche Leser legen das Buch vielleicht aus der Hand und denken hinterher, sie hätten tatsächlich einen fantastischen Horror-Roman gelesen - und nicht eine Geschichte über eine Geisteskranke.

Alles Gute,

Bernard

Offline sape

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #12 am: 08. Juli 2006, 09:54:25 »
Hallo!

Wenn in der Story ein Ereignis passiert, bei dem die Figur des Ich-Erzählers nicht anwesend ist, muss man oft akrobatische Klimmzüge machen, um dem Leser die "versäumte" Information nachzureichen - eine andere Figur muss es dem Ich-Erzähler berichten oder Ähnliches.

Wenn der Erzähler Rückblickend erzählt ist das aber einfacher, oder?

Ich lese beides gerne. Zu Hauptfiguren, die mir die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen, kann ich unter Umständen einen tieferen Bezug entwickeln, als zu anderen. Unter Umständen deshalb, weil wie hier schon gesagt wurde, das sehr gut gemacht sein sollte. Manchmal dauert es ein bisschen bis ich mit der Perspektive wieder vertraut bin, aber dann empfinde ich es nicht mehr als störend. Auch vom Buchkauf würde mich das nicht abhalten.

Grüße,
eure sape

Offline sandhofer

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #13 am: 08. Juli 2006, 10:22:26 »
Hallo zusammen!

Zum Beispiel gibt es ein Buch über eine Frau, die dämonische Erscheinungen austreibt, die sie sich aber nur einbildet - in Wirklichkeit verfolgt sie unschuldige Menschen. Das wird aber explizit nicht erwähnt, und manche Leser legen das Buch vielleicht aus der Hand und denken hinterher, sie hätten tatsächlich einen fantastischen Horror-Roman gelesen - und nicht eine Geschichte über eine Geisteskranke.

Ich bin nicht sicher, ob wir jetzt die gleiche Geschichte meinen: Ein exzellentes Beispiel für die Unzuverlässigkeit eines Ich-Erzählers bietet Henry James: The Turning of the Screw. Und auch Agatha Christie spielt in einem Kriminalroman damit.

Grüsse

Sandhofer

Offline Maren

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Re: Erzählperspektive: Ich-Erzähler
« Antwort #14 am: 08. Juli 2006, 12:46:43 »
Ich lese gerade "Fiesta" von Ernest Hemingway.  :lesen: Dieses Buch hat einen Ich-Erzähler. Wenn ein Nobelpreisträger das gemacht hat, ist die grundsätzliche Verwendung des Stilmittels wohl über jeden Zweifel erhaben.

Nur, weil einer einen Nobelpreis gewonnen hat, muss mir aber noch lange nicht gefallen, was er schreibt.
Für mich sind Hemingways Werke absolut uninteressant, ich lese überwiegend zur Unterhaltung, Entspannung. Und da mag ich am liebsten etwas lesen, das mir gefällt.