Hallo
so, wir sind wieder zu Hause. Vielen Dank für Euer Verständnis.
Und vielen Dank auch für das bisher weitgehend positive Echo. Ich habe noch nie ein so riskantes Buch geschrieben und es war auch sicher für längere Zeit das letzte dieser Art, denn erstens bleibe ich lieber im Hintergrund (wie ja auch beim Dolmetschen) und zweitens werde ich sicher nicht noch einmal über so eine schwierige, geisteswissenschaftliche Thematik schreiben. Aber dieser Roman musste sein, weil er erzählt, wie ich überhaupt zum Erzählen gekommen bin. Insofern ist auch ganz richtig, was hier und da schon beobachtet wurde: ich bin alle diese Figuren einmal gewesen bzw. sie spiegeln eine Facette von mir, die immer auch gegenwärtig ist, wenn ich schreibe. Es ist ja so schwierig, sich zwischen den vielen Urteilen und Vorurteilen zu positionieren. Der Buchmarkt wird immer komplexer, die Leseerwartungen immer widersprüchlicher, der eigene Geschmack und die eigenen Interessen ändern sich mit der Zeit auch - und entsprechend wird es mit jedem Buch schwieriger, seine Linie zu halten bzw. zu finden und gleichzeitig zu wachsen. Ich habe wohl noch nie so viel an einem Text herumgearbeitet wie an diesem, und auch noch nie so viel kämpfen müssen. Es gibt ja bereits fünf Bearbeitungen des Stoffes ( Lars Gustafsson, Gilbert Adair, John Banville, Malcolm Bradbury, Bernhard Schlink) und schon daher habe ich immer wieder gezögert, die Geschichte zu erzählen. Aber dann dachte ich: keiner von denen war dabei, als es geschah. Und sie schreiben alle aus Augenhöhe über De Vander (also De Man). Ich wollte erzählen, welche Katastrophe dieser Skandal für einen jungen, vielleicht talentierten aber doch eben naiven Literaturstudenten gewesen ist. Denn ich hatte schon das Gefühl, in letzter Minute auf einem sehr gefährlichen Holzweg gerade noch einmal aufgewacht zu sein.
Janines Vortrag in Antwerpen ist übrigens nicht erfunden. Solche Sätze werden heutzutage tatsächlich öffentlich geäußert, ohne dass jemand: Stop! ruft. Es gibt heute eine lähmende Unübersichtlichkeit in allen öffentlichen Diskussionen, insbesondere bei den sogenannten Intellektuellen. Und zum Teil hat das seinen Ursprung meiner Auffassung nach in diesen Theorien aus den 70´er und 80´er Jahren, denen ich ja auch mal verfallen war. Wir fühlten uns damals einfach super mit diesen tollen Slogans vom "Ende der Geschichte" und vom "Ende des Subjekts". Man konnte sich da herrlich in einen toten Winkel stellen und alle anderen für ideologisch verblendet erklären. Alle reden von den Sünden oder Fehlern der 68´er. Aber von dieser katastrophalen Lehre, die sehr viel subtiler alle Werte zu Disposition stellt (vor allem: ohne einen erkennbaren Zweck ausser dem der eigenen Unangreifbarkeit) spricht niemand. Weil es eben sehr schwer ist, darüber zu sprechen. Die Theorie ist derart abgehoben, dass sie für Talkshows einfach nichts taugt. Aber dennoch lenkt sie den öffentlichen Diskurs und erzeugt Aussagen wie die, mit der Janine in Antwerpen aufs Podium steigt. Oh je, jetzt rede ich schon wie in einem Seminar. Also das nur mal so als Erläuterung.