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Iris Kammerer - Der Pfaffenkönig (5.Teil S.281 bis S.347)
Thrakonia:
Hier könnt ihr eure Eindrücke zum 5. Abschnitt (Seite 281 - 347) posten und diskutieren. Spoilermarkierungen sind nicht vorgesehen.
Bernard:
Was mich zu Beginn dieses Leseabschnittes irritiert, sind Pater Wigos Erläuterungen zur Gültigkeit des Beischtsakramentes. Zumindest heute ist es ja genau andersherum - die "unvollständige Reue", also die Angst vor Strafe, ist zwar nicht wünschenswert, aber hinreichend, der Bußakt hingegen unerlässlich (ich verweise mal nicht auf die Wikipedia, sondern auf die Kathpedia ;)).
Das lässt nun mehrere Deutungen dieser Stelle zu:
1) Das Sakrament hat sich im Laufe der Zeit geändert, im Mittelalter wurde es anders interpretiert. Was mich allerdings wundern würde - ich dachte immer, die drastischen Darstellungen der Höllenqualen im Mittelalter seien gerade in der Absicht entwickelt worden, beim Gottesvolk zumindest die unvollständige Reue zu wecken und es so für die Beichte zu qualifizieren ("... denn alles dient dem Heil der Seelen ...").
2) Pater Wigo weiß es nicht besser. Das kann durchaus sein, auch wenn er ein Pater ist. Man kann da schon einmal durcheinander kommen.
3) Pater Wigo lügt. Vielleicht wollte er Heinrich damals einfach nicht lossprechen, vielleicht wollte er ihn schmoren lassen und ist jetzt zu feige, es zuzugeben.
Schade finde ich, dass ich wieder um eine Actionszene "betrogen" werde. Auf S. 296 habe ich mich schon richtig auf den Kampf um die Burg gefreut, sozusagen das Popcorn rausgeholt - und dann ist Heinrich nicht so richtig dabei. >:(
Auch bei der Aufnahmezeremonie in den Deutschorden hätte ich mir mehr Details gewünscht. Für meinen Lesegeschmack ruht auch hier die Kamera nicht lange genug auf denjenigen Details, die mich persönlich interessieren würden.
Sehr gut fand ich die entstellte Hure. Hier wird meines erachtens die uns fremde Moral gut deutlich. Was ist eigentlich so schlimm daran, eine Hure zu sein? Schließlich scheint die Gesellschaft damals großen Bedarf an dieser Dienstleistung gehabt zu haben, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Dennoch ist sie geächtet, während niemand ernsthaft etwas dagegen zu haben scheint, wie sehr sie von ihrem Mann misshandelt wurde. Das wird vielmehr als gerechte Strafe gesehen. Verrückt - und erschreckend glaubwürdig geschildert.
Kernig fand ich die Erhöhung von Elisabeths Gebeinen, die Krone auf Totentschädel. Das konnte ich mir gut vorstellen. ;D
Gekonnt ist auch die Gegenüberstellung dieser Zeremonie mit dem Auftauchen von Elisabeths Tochter Sophia. Die Frage scheint zu sein, ob mehr von Elisabeth in den toten Knochen steckt oder in der lebendigen Tochter. Heinrich beantwortet diese Frage ja recht eindeutig und auch schlüssig. Letztlich ist er zwar Christ, aber der tiefe Glaube fehlt ihm. Er liebte in Elisabeth die Frau, nicht die Heilige. Deswegen empfindet er es wohl auch so, dass der Kult, der sich um ihre Überreste entwickelt, sie ihm entfremdet und wegnimmt.
In der erotischen Szene mit der neuen Frau Gertrud sehen wir einen Gegensatz zur Hochzeitsnacht in der ersten Ehe. Eine Phase irdischen Glücks für Heinrich. Man gönnt sie ihm nach den vielen Rückschlägen, die er einstecken musste.
Ulkig fand ich, wie Gertrud den Treueschwur "erpresst". :D
Iris Kammerer:
--- Zitat von: Bernard am 15. Oktober 2007, 20:54:13 ---1) Das Sakrament hat sich im Laufe der Zeit geändert, im Mittelalter wurde es anders interpretiert. Was mich allerdings wundern würde - ich dachte immer, die drastischen Darstellungen der Höllenqualen im Mittelalter seien gerade in der Absicht entwickelt worden, beim Gottesvolk zumindest die unvollständige Reue zu wecken und es so für die Beichte zu qualifizieren ("... denn alles dient dem Heil der Seelen ...").
2) Pater Wigo weiß es nicht besser. Das kann durchaus sein, auch wenn er ein Pater ist. Man kann da schon einmal durcheinander kommen.
3) Pater Wigo lügt. Vielleicht wollte er Heinrich damals einfach nicht lossprechen, vielleicht wollte er ihn schmoren lassen und ist jetzt zu feige, es zuzugeben.
--- Ende Zitat ---
Ganz so einfach ist es nicht. Gerade das Bußsakrament (Beichte) hat im Laufe der Geschichte des Christentums gravierende Wandlungen erfahren.
Im Grunde wurde allerdings immer die folgenden Aspekte beachtet:[*]Erkenntnis der Schuld (conscientia)
[*]wahre Reue (contritio cordis, eigentlich "Zerknirschung des Herzens")
[*]Bekenntnis der Schuld (confessio), im engeren Sinne Lippenbeichte (confessio oris)
[*]Wiedergutmachung (satisfactio operum)
[*]Zuspruch der Vergebung (absolutio)
[/list]
Die Unterscheidung in vollständige und unvollständige Reue ist natürlich auch (!) eine "Spitzfindigkeit", dazu geschaffen, den Priester, der irrtümlich einem unbußfertigen Menschen die Absolution erteilt, dadurch nicht zum Sünder werden zu lassen -- denn das würde das Bußsakrament auf Dauer konterkarieren.
Richtig ist, dass heutzutage auch bei "unvollständiger Reue" (Angst vor Strafe), die Absolution gültig ist und als wirksam gilt. Allerdings stammt das letztendlich aus den Auseinandersetzungen im Spätmittelalter und während und nach der Reformation. Zu Heinrichs Zeiten ist die Gegenwart von Dämonen nicht bloß ein Vorbote des Purgatoriums, sondern es ist tatsäculiche Besessenheit und damit Gottesferne schon im irdischen Dasein.
Als Wigo seinem Herrn und Beichtkind in jenem Kirchlein die Abnahme der Beichte verweigerte, tat er das mit gutem Grund: Heinrich stand noch unter dem direkten Eindruck des Ereignisses, er befand sich in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit; eine Gewissenserforschung konnte daher gar nicht stattgefunden haben, und die Gefahr bestand, dass eigentlich gar keine Reue vorlag, sondern nur (!) die Angst vor Strafe. Und das reicht nicht. Denn wer ohne rechte Gesinnung am Mahle des Herrn teilnimmt, sündigt ziemlich schwer. :winken:
--- Zitat ---Letztlich ist er zwar Christ, aber der tiefe Glaube fehlt ihm.
--- Ende Zitat ---
Da bin ich mir nicht so sicher wie du. ;)
--- Zitat ---Er liebte in Elisabeth die Frau, nicht die Heilige. Deswegen empfindet er es wohl auch so, dass der Kult, der sich um ihre Überreste entwickelt, sie ihm entfremdet und wegnimmt.
--- Ende Zitat ---
Stimmt, aber steht das wirklich im Widerspruch zum Vorigen? Er kennt halt auch das Kind, das Mädchen, den Backfisch, die junge Frau. Elisabeth ist für ihn kein "Ding von Heiligkeit", sondern ein Mensch, eine Frau, wenn auch eine in mehrerer Hinsicht ganz besondere.
--- Zitat ---Ulkig fand ich, wie Gertrud den Treueschwur "erpresst". :D
--- Ende Zitat ---
Vor allem, wenn man mal den Wortlaut dieses Treueschwurs heranzieht.
Bernard:
--- Zitat von: Iris Kammerer am 15. Oktober 2007, 23:11:42 ---Als Wigo seinem Herrn und Beichtkind in jenem Kirchlein die Abnahme der Beichte verweigerte, tat er das mit gutem Grund: Heinrich stand noch unter dem direkten Eindruck des Ereignisses, er befand sich in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit; eine Gewissenserforschung konnte daher gar nicht stattgefunden haben, ...
--- Ende Zitat ---
Ja, das kann man gelten lassen. ;)
Allerdings erteilt er Heinrich auf dem Sterbebett dann die Lossprechung ohne "satisfactio operum" - gibt es dafür auch eine Erklärung? Heinrich ist zwar schon beinahe über den Jordan, aber zumindest ein Paternoster hätte er wohl noch hinbekommen ...
--- Zitat von: Iris Kammerer am 15. Oktober 2007, 23:11:42 ---Elisabeth ist für ihn kein "Ding von Heiligkeit", sondern ein Mensch, eine Frau, wenn auch eine in mehrerer Hinsicht ganz besondere.
--- Ende Zitat ---
In jedem Fall sieht er sie völlig anders als seine Zeitgenossen, die an ihre letzte Ruhestätte pilgern. Wenn man dieses "Pilgerverhalten" als typische Heiligenverehrung setzt, dann ist er meilenweit davon entfernt.
Ich hatte auch an keiner Stelle das Gefühl, dass er sie wirklich als Heilige sieht. Noch nicht einmal am Anfang, als er die kleine Figur an die Brust drückt - das schien mir eher vergleichbar damit, wie das Bild eines geliebten Menschen behandelt wird.
Wahrscheinlich ist es auch sehr schwierig für ihn, den Zugang zu Heiligen Elisabeth zu finden. Der Prophet gilt nichts in seinem Heimatlande ...
Iris Kammerer:
--- Zitat von: Bernard am 16. Oktober 2007, 08:25:52 ---Allerdings erteilt er Heinrich auf dem Sterbebett dann die Lossprechung ohne "satisfactio operum" - gibt es dafür auch eine Erklärung? Heinrich ist zwar schon beinahe über den Jordan, aber zumindest ein Paternoster hätte er wohl noch hinbekommen ...
--- Ende Zitat ---
Bist du jetzt auch noch unter die Kirchenrechtler gegangen? ;)
Eine Wiedergutmachung kann auch vorab erfolgt sein. Sonst würde es keinen Sinn machen, als satisfactio operum z.B. eine Stiftung zu akzeptieren, denn auch das wäre auf dem Sterbebett nur ein Versprechen, wenn sie faktisch nicht schon erfolgt wäre. Also könnte man z.B. die Gründung des Predigerklosters in Eisenach zu Elisabeths Ehren als eine Möglichkeit der Wiedergutmachung ansehen -- immerhin hat Heinrich mit der Tat ja der Inquisition geschadet (die vor allem durch diesen Orden vertreten wird) und Elisabeths Kanonisation verzögert. Immerhin hat er zu Beginn dieses Abschnitts ja auch seine Anordnung wiederholt, dass man sein Herz dort bestatten möge -- da haben wir den Bezug, auch wenn er nicht ausdrücklich ausgesprochen wurde.
Jetzt zufrieden? ;)
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