Leserundenarchiv > Iris Kammerer – Der Pfaffenkönig
Iris Kammerer - Der Pfaffenkönig (4.Teil S.218 bis S.280)
Thrakonia:
Hier könnt ihr eure Eindrücke zum 4. Abschnitt (Seite 218 - 280) posten und diskutieren. Spoilermarkierungen sind nicht vorgesehen.
Bernard:
Der vierte Leseabschnitt wendet sich den politischen Ränkespielen zu. Wir begegnen dem Kaiser und auch daheim geht der Konflikt mit Mainz weiter.
Konrads Neigung wurde ja schon früher in dieser Leserunde angedeutet. Ob sie mich sonst überrascht hätte ... vielleicht schon. Jedenfalls finde ich seine Haltung zu seinen eigenen Trieben im mittelalterlichen Kontext gut nachvollziehbar. Da sie aus heutiger Sicht (vor allem für jemanden, der wie ich in Köln wohnt) ungewohnt ist, gibt sie der Geschichte ein exotisches Flair, was mir gut gefällt.
Auch gut gefallen hat mir die gesamte Thematik mit der mittelalterlichen Inquisition - ihr ideologischer Hintergrund, die üblichen Strafen (in der Regel eben nicht der Tod, sondern Enteignung und Ähnliches), die Sichtweise der Menschen jener Zeit darauf, auch die Gerichtsverhandlung gegen von Sayn, in der sich geistliche und weltliche Interessen vermengen. Das ist für mich alles gut nachvollziehbar, ich kann die Welt des Mittelalters förmlich durch die Zeilen des Textes hindurchscheinen sehen. Besonders gut hat mir gefallen, dass sich der Bischof von Mainz und Heinrich am Ende des Leseabschnitts zusammentun gegen den gemeinsamen Feind Magister Konrad - eine unerwartete Wendung, die zusätzlich Pepp in die Geschichte bringt.
Als Zwischenfazit bis hierher kann ich sagen, dass die Stärke des Buches für mich darin liegt, mir ein dichtes Bild des Mittelalters zu vermitteln. Das kaufe ich der Autorin voll und ganz ab - wenn mir jemand sagen würde: "So und nicht anders war das Mittelalter" - das könnte ich glauben.
Der Schwachpunkt für mein persönliches Leseempfinden ist die Geschichte, der Plot, die Handlung an sich. Ich habe noch immer nicht richtig hereingefunden. Zwar hat Iris in einem früheren Leseabschnitt zu Recht darauf hingewiesen, dass es durchgängige Motive für die Hauptfigur Heinrich gibt, aber irgendwie "packen" die mich nicht so recht. Vielleicht auch, weil die Figuren für mich zwar nachvollziehbar, aber nicht wirklich vertraut sind. Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass die "Kamera" nicht da ist, wo ich gerne hingucken würde. Etwa die Eroberung dieser Stadt in diesem Leseabschnitt - sie wird zwar vielfach erwähnt, aber ich wäre gern "live dabei gewesen". Wahrscheinlich sind das meine primitiven Instinkte, die sich nach schwertschwindenden Rittern in Nahaufnahme sehnen. ;D Vielleicht wäre es für mich besser gewesen, wenn nicht Heinrich, sondern Wigo die Perspektivfigur gewesen wäre - da hätte er mehr direkte Szenen mit Elisabeth geben können, er wäre vielleicht zwischen seiner Herkunft und seinem neuen Lehnsherrn hin und her gerissen gwesen etc.
@Iris: stand die Perspektive, aus der Du die Geschichte erzählen würdest, für Dich von Anfang an fest oder hast Du diese Entscheidung irgendwann später getroffen?
Iris Kammerer:
--- Zitat von: Bernard am 14. Oktober 2007, 12:31:37 ---@Iris: stand die Perspektive, aus der Du die Geschichte erzählen würdest, für Dich von Anfang an fest oder hast Du diese Entscheidung irgendwann später getroffen?
--- Ende Zitat ---
Die Perspektive stand für mich sehr früh fest. Bildlich gesprochen: Der Mann hat nun mal mit mir geredet, da erschien es nur logisch.
Muss jetzt zur Signierstunde, deshalb erst heute abend mehr. :winken:
gretchen:
Hallo Ihr,
zwar habe ich den vierten Abschnitt noch nicht ganz beendet, doch möchte ich zu der von Bernard angesprochenen Erzählperspektive bemerken, dass ich diese Erzählweise gut gelungen finde. Wir sollten uns vielleicht nochmals verdeutlichen, dass wir eigentlich kein Buch über die Heilige Elisabeth lesen, sondern die Lebensgeschichte des Heinrich Raspe und da finde ich die Erzählperspektive ideal.
Er liegt auf dem Totenbett und läuft sein Leben Revue passieren, so wie es angeblich allen, oder zumindest den meisten Menschen ergeht, die im Sterben liegen.
Wobei ich sagen muß, mir fehlte zu Beginn der Geschichte der Gegenpart, also die Sichtweise der Heiligen Elisabeth zu den ganzen Vorfällen, es ist mir zu sehr eine Rechtfertigung des Heinrich Raspe. Aber ich habe mir sagen lassen, dass alle, oder zumindest die meisten, Autoren ihre Figuren gut aussehen lassen wollen - puh schlechtes Deutsch :-[ -
Gruß
gretchen
Thrakonia:
So, Leserundenppause ist vorbei, da kann ich mich gleich wieder ins Zeug legen :P
Magister Konrad von Marburg ist also nun der Großinqisitor - was für eine Vorstellung :o Im Wiki fand ich seine Vorstellung zunächst gar nicht so dramatisch, aber wie er durch die Lande zieht und Angst, Panik und Schrecken verbreitet, scheint er schlimmer als die Pest.
Was will der Kaiser von Heinrich auf Seite 231 Zeile 8f, soll Heinrich nicht mehr heiraten, aber wie kommt er dann an seine 2./3. Frau? Das wird spannend. Und was verfolgt der Kaiser mit diesem Anliegen? Will er, dass Hermann (Heinrichs Neffe) Landgraf über Hessen-Thüringen wird?
Auf Seite 252 unten klagt die Gräfin von Ziegenhain, dass ihr widerrechtlich Güter geraubt wurden, gab es damals keine Besitzurkunden, die das Eigentum auswiesen - so wie ein Notariat bzw. Grundbuchamt?
Ich war etwas erschreckt, als ich lesen musste, dass die beiden Konrads zusammen glucken, stimmt das, oder habe ich etwas missverstanden. Sollte der Magister hinter Konrads (Bruder von Heinrich) Wunsch in den Deutschen Orden einzutreten stecken? :o
Und auf Seite 261 erfahren wir die Ausmaße des Inquisitorschreckens: Großinquisition = Eltern gegen Kinder und Kinder gegen die eigenen Eltern, das ist ja schlimm, furchtbar, grausam, und die Adligen werden nicht verschont. Das Beispiel Graf von Sayn ist vollkommen absurd. Wer glaubt denn daran, dass dieser Große Mann auf Kröten bzw. Krebsen reitet, Dämonenkrebsen müsste dann ja jemand gesehen haben? Der Großinquisitor schlingelt sich da schön aus der Affäre: erst schützt er seine Informanten, dann verdreht er die Bilder !!!
Am meisten hat mich das Ende des Anbschnittes gefreut: >:( da geht es mal gegen den richtigen!
Übrigens ist auf Seite 268 die Szene wunderbar atmosphärisch beschrieben, wie eine Panoramaaufnahme auf Großleinwand, aber grenzenlos in unserem Wunderwerk Gehirn!
Liebe Grüße
Kathrin
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