Leserecke > Literaturtalk
Welchen Sinn haben Cliffhanger in Büchern?
Peter Lancester:
Ich lese gerade in der Leserunde "Die Legenden des Abendsterns" mit.
Man merkt Ascan an, daß es ihm Freude bereitet, seine Leser auf die Folter zu spannen. Szenen brechen an ihrer spannendsten Stelle ab und werden später fortgesetzt, nachdem erst mal eine oder zwei Seiten lang ein anderer Handlungsstrang an der Reihe war. Um es zu verdeutlichen: Da ist eine Szene, in der jemand in ein düsteres Gewölbe geführt wird, eine Tür geht auf und: "Der Unterkiefer des Iren klappte haltlos herunter." Was hat er gesehen? Keine Ahnung, denn danach kommt erst mal eine Szene in einem Sumpf, in der irgenein Kapuzenträger von einem Fährmann übers Wasser gebracht wird. Danach wiederum geht die Szene mit dem Iren weiter und wir erfahren, warum sein Unterkiefer runtergeklappt ist.
Ich habe früher auch mal so geschrieben, tue es aber inzwischen nicht mehr. Ich habe nämlich festgestellt, daß es zwar auch mir eine gewisse diebische Freude bereitet, etwas anzudeuten und den Leser dann zappeln zu lassen, aber wenn ich der zappelnde Leser bin, mag ich das plötzlich nicht mehr. Wenn ich gerade meine Nägel abkaue will ich keinen Zwischeneinschub, keine Werbeunterbrechung; ich will, daß es weitergeht.
Der Cliffhanger ist ein Stilelement aus der Filmbranche. Sein Sinn lag weiland darin, die Zuschauer einer Serie gespannt zu halten, wie es in der nächsten Folge weitergeht. Deswegen sah man zu, daß die Folge mit irgendetwas Unerhörtem, Spannenden endete, das nicht aufgelöst wurde. Z.B. daß der Held an einem Felsvorsprung über einem Abgrund hängt und langsam abzurutschen beginnt (-> daher der Name Cliffhanger). Der Zuschauer sollte nägelkauend nach der Auflösung gieren und so auch nächste Woche wieder einschalten.
Das kann ich gut verstehen. Ich kann es auch verstehen, wenn die Literatur dieses Stilmittel übernimmt und so ein Buch mit einem Cliffhanger endet und so den Folgeband unentbehrlich macht. Doch welchen Sinn hat ein solcher Cliffhanger INMITTEN eines Buches? Der Leser muß doch gar nicht dazu motiviert werden, die Fortsetzung zu kaufen, er hat sie schon in der Hand. Und was wird er tun? Er wird die eingeschobene Passage überblättern, um da weiterzulesen, wo er weiterlesen WILL. Okay, nicht jeder wird das tun, aber ICH mache das, hehe. Und ich kenne ganz ganz viele, die es auch noch machen. Und wenn sie es nicht machen, ärgern sie sich zumindest. Und/oder sie lesen den Text zwischen Cliffhanger und Auflösung nicht aufmerksam, weil sie in Gedanken woanders sind.
Soweit zumindest meine Theorie und der Grund, warum ich keine Cliffhanger einsetze. Hab dennoch im letzten Werk einen Leser dazu gebracht, ein Kapitel zu überblättern (hat er jedenfalls in einer Amazon-Rezi geschrieben). Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Ich kann zu meiner Verteidigung nur sagen, daß mir gar nicht bewußt war, daß die Szene an der Stelle so spannend war.
Was ich nun trotz und alledem nicht weiß: Gehöre ich mit meinem Geschmack einer Mehrheit oder einer Minderheit an? Gibt es Leser, die das gut finden, wenn eine Szene auf dem Höhepunkt ihrer Spannung unterbrochen wird?
Peter
Heimfinderin:
Also ich mag Cliffhanger in einem Buch. Natürlich ist es in dem Moment nervenaufreibend und ich würde gerne wissen, was weiter passiert, aber das steigert bei mir eher die Spannung, als dass es mich nervt. Ich habe auch kein Problem, in den neuen Abschnitt hineinzufinden. Im Gegenteil, ich lese gerne Bücher mit parallelen Handlungssträngen zwischen denen gewechselt wird. Wäre ja auch komisch, wenn man erst die eine Sache fertig erzählt und sich danach mit einer anderen beschäftigt. Dieses Hin- und Her ist da doch lebendiger. Ich würde auch nie im Buch vorblättern, um die abgebrochene Stelle weiter hinten erst mal weiterzulesen. Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Ich lese auch nicht den Schluss zuerst oder mittendrin, wie ich es schon von anderen gehört habe. Doch, Cliffhanger find ich gut. :)
Aldawen:
Hi,
grundsätzlich habe ich nichts gegen Cliffhanger in einem Buch, da geht es mir durchaus wie Heimfinderin: Sie können die Spannung sogar erhöhen. Allerdings sollte es eine Ausnahme bleiben und nicht zur Regel werden. Wenn jedes Kapitel offen endet, dann nervt es mich schon. Auch parallele Handlungstränge sind irgendwann kein Grund mehr dafür, mitten im Geschehen abzubrechen. Ein Cliffhanger kann in Einzelfällen als Stilmittel durchaus Sinn machen, aber als Dauerzustand wirkt es auf mich eher unprofessionell. Denn dann muß ich mich fragen, ob der Autor so wenig Vertrauen zu seiner Erzählung (Plot und Stil) hat, daß er meint, Leser nicht anders halten zu können. Und das wäre eher ein Argument gegen das betreffende Buch. Bislang bin ich zwar noch nicht so weit gegangen ein Buch kreuz und quer zu lesen, um einem Handlungsstrang zunächst zu folgen, bevor ich zu einem anderen zurückkehre, aber auf immer ausschließen würde ich eine solche Reaktion auch nicht.
Schönen Gruß,
Aldawen
Peter Lancester:
--- Zitat von: Ascan von Bargen am 25. März 2007, 16:30:49 ---Daher halte ich persönlich diese "Ja, früher, als ich auch noch keine Ahnung hatte, habe ich diese Anfängerfehler auch gemacht"-Haltung
--- Ende Zitat ---
Ich hoffe das ist dir nicht in den falschen Hals gegangen, denn ich meinte das nicht herablassend. Es ist nur tatsächlich so, daß ich das nicht mehr mache, weil ich irgendwann festgestellt habe, daß ich es als Leser nicht gern habe und bis zu einem gewissen Grad schreibt man sein Zeugs ja auch für sich selbst. ;D
--- Zitat ---Äh, sachma eb'n ... wo genau war jetzt noch mal das Problem? ;D
--- Ende Zitat ---
Daß ich solche Unterbrechungen nicht mag. ;)
Bei Crichton mochte ich sie auch nicht. Bei Dan Brown auch nicht.
Aber ich habe ja extra zur Diskussion angeregt, weil ich das Gefühl habe, daß das andere wahrscheinlich ganz anders sehen. Sonst wäre dieses Stilmittel ja längst ausgestorben.
Peter
sandhofer:
Hallo zusammen!
"Cliffhanger"? Hm ... für mich gibt's das am eine einer Episode oder einer Staffel in einer Film- oder TV-Serie und hat natürlich den Zweck, den Zuschauer dahingehend aufzuheizen, dass er den Beginn der neuen Staffel oder einer neuen Episode kaum erwarten kann. Sprich: Publikumsbindung. Typisch jene Stummfilme, wo der Held zum Schluss mit dem Bösewicht ringt und in die mit Löwen gefüllte Grube fällt - Schnitt - Fortsetzung folgt. (In der Fortsetzung ist er dann wunderbarerweise schon wieder [oder noch immer?] draussen ... )
--- Zitat von: Ascan von Bargen am 25. März 2007, 16:30:49 ---Cliffhanger ist:
"Die Sonne war beinahe hinter den Dünen verschwunden. Das Erschießungskommando der Fremdenlegion begab sich in Position. Die Männer würden mich erbarmungslos niederstrecken. Vielleicht ein oder zwei Atemzüge noch, mehr würde mir nicht mehr bleiben, wenn nicht bald ein Wunder geschah. Der Franzose bellte seine Befehle, die ich nicht verstand. Da! Die Sonne war endgültig hinter den Dünen verschwunden und-
im selben Augenblick gab der Franzose den Befehl zum Feuern!
* * *[CLIFFHANGER]
Mary wunderte sich, weshalb Reginald ihr noch immer keine Postkarte aus dem idyllischen Sahara-Ferienhotel in Algerien geschrieben hatte. Aber im Moment bereitete ihr etwas ganz anderes Sorgen: Der Nagellack wollte und wollte einfach nicht trocknen ..."
--- Ende Zitat ---
Das ist aber kein Cliffhanger ... ;) Oder höchstens ein klitzekleiner ... Weil: Wenn sie Dich erschossen hätten, könntest Du jetzt nicht davon erzählen. (Ausser Du hiessest Meursault und lebtest in Algerien ... ;) )
Grüsse
Sandhofer
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